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Buchtipp

Geri Winkler: „Sieben Welten. Seven Summits“

Fast schon ein bisschen unglaublich, was der Sieben-Welten-Erkunder Geri Winkler, in seinem Reisebuch beschreibt: Sein Weg, den er zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt, erstreckt sich durch schlammige, vom Regen durchgeweichte Tropenwälder bis hin zu den höchsten Gipfeln aller Kontinente, von wo aus er die Erdkrümmung bewundert. Das erstaunlichste wird nur beiläufig erwähnt: der Autor ist insulinpflichtiger Diabetiker.

Obwohl die moderne Diabetologie nicht mehr rigide auf Verbote ausgerichtet ist und den Diabetiker zu sportlichen Aktivitäten eher ermutigt als entmutigt, gilt eine zu hohe körperliche Belastung unter extremen Bedingungen nach wie vor als Risikofaktor für einen schwer einstellbaren Blutzuckerspiegel. Dass die Krankheit jedoch weder die Kariere als Sportler noch intensives Reisen ausschließt, können mittlerweile prominente Beispiele bezeugen. Solche Nachrichten trösten, zumal die Diagnose Diabetes nach wie vor für viele Betroffene Einschnitte in ihrer bisherigen Lebensqualität bedeuten kann. Das Winklersche Zeugnis einer Weltenreise mit bzw. trotz Diabetes zeigt, wie sich Träume leben lassen. 

Winkler: Grenzen des Möglichen für Diabetiker verschieben

Geri Winkler selbst lebt mit der Zuckerkrankheit seit siebzehn Jahren. In gewisser Form ist sie zu seinem alltäglichen (Reise)Begleiter geworden, doch diktieren kann sie ihm das Leben nicht mehr - das geht deutlich aus seinem Werk hervor. Als Ärzte 1984 bei dem Autor Typ-1-Diabetes diagnostizierten, rankten düstere Prognosen um die Reiselust und Gipfelziele des Abenteurers. Doch was der ärztliche Rat tabuisierte, begriff Winkler als Herausforderung. So war er bereits 1987 der erste Diabetiker, der erfolgreich einen Marathon bestritt und in den folgenden Jahren der erste Bergsteiger mit Diabetes, der sich in die so genannte Todeszone wagte. Unter seinem Motto "Kein Horizont ist fern, dass wir ihn nicht erreichen können" hat er Reisen zu den schönsten, aber auch am schwersten erreichbaren Plätzen der Welt gewagt. Ein Fall ausgezeichneter Resilienz, bedenkt man, dass der Autor auch einer Krebserkrankung standhielt. 
    
Eine Reise um die Welt und zu sich selbst

Die Leidenschaft zu reisen wurde Winkler zwar nicht in die Wiege gelegt, prägte jedoch seine Jugend weitgehend. So gehörte er bereits in den Kindertagen zu der Sorte von Jungs, die an ihrem ersten Globus von fernen Welten und großen Abenteuern träumen. Dass diese Träume verstauben, wollte und konnte er nicht zulassen – auch als es gesundheitlich bergab ging. Ein Zeugnis davon ist der vorliegende Reisebericht „Sieben Welten - Seven Summits“. Auf rund 300 Seiten führt der Rastlose den Leser an die Orte der nicht mehr bloß geträumten, sondern gelebten Träume mit. Seite für Seite, Bild für Bild, taucht man in diese Welten ein. Erstaunlich ist dabei die Tatsache, wie das Thema Diabetes fast völlig aus den Erzählungen verschwindet, ohne verschwiegen oder gar tabuisiert zu werden.

Diabetestherapie in Outdoor-Situationen?

Die in dem Werk beschriebene Weltenreise wurde zum Teil durch die Neugier ausgelöst, ob bzw. wie eine Diabetestherapie sich in eine spezielle Lebenssituation integrieren lässt. Extreme Outdoor-Situationen schienen Winkler dabei besonders zu inspirieren. Die Besteigung seiner Traumberge wurde ihm seitens der Diabetes-Branche finanziell ermöglicht. Die finanzierenden Unternehmen haben sich im Gegenzug neue Erkenntnisse versprochen, was ihre Geräte in eisigen Höhen, in Sphären jenseits der Gemütlichkeit taugen. Unterstützt wurde Winklers Vorhaben durch seine Diabetologin seit Jahren neue Behandlungsmöglichkeiten entwickelt, welche den Betroffenen größtmögliche Flexibilität in der Lebensführung gestatten.

Hoher Zucker - weltweite Toleranz wächst

Ausgerechnet auf seinen vielen Reisen hat der Autor viel über die Krankheit gelernt. Zu seinem Erstaunen,  verfügen die Menschen in den entlegendsten Winkel der Welt über eine gute Diabeteskenntnis. Die passende Anekdote hierzu wird im Nachwort geliefert: 2003 während einer wochenlangen Wanderung durch die Berge den Himalaya lernte Winkler, dass selbst in den Regionen der Siebentausender eine Insulinspritze keinen Yak-Hirten mehr erstaunen kann. Die Quintessenz dieser Erfahrung: Diabetes ist gesellschaftsfähig geworden. Menschen gehen mit der Krankheit völlig normal um. Sie ist weder peinlich, noch wirft sie unangenehme Fragen auf. Dies deutet der Autor als eine positive gesellschaftliche Entwicklung weltweit. Denn: noch vor fünfzehn Jahren sei er selbst in seiner Heimat Österreich noch mit schreckgeweiteten Augen beobachtet werden, wann immer er sich die Dosis Insulin verabreichte.

Mehr als ein Reisebericht eines Diabetikers 

Winklers Werk ist absolut lesenswert. Zum einen ist dies dem leichten, aber anspruchsvollen Erzählstil zu verdanken. Der Aufbruch ins Ungewisse, die Begegnung mit der Fremde sowie das Erkennen und Überwinden eigener Grenzen werden auf eine gewitzte und keineswegs schwermütige oder gar kitschige Art beschrieben. Es ist ein Gute-Laune-Buch voller bewegender Augenblicke aus der Feder eines Betrachtenden, eines Kranken, eines Lebenskünstlers. Dank seiner besonders lebendigen Erzählweise verlässt Winkler das Terrain des rein Informativen, trocken Berichtenden und schafft dadurch ein lesenswertes Stück Literatur. 
Sehr lobenswert ist anderseits der psychologische Gehalt des Erzählten. Es birgt fast einen Aufruf dazu, sich gegen die Widrigkeiten des Lebens zu wappnen. Seine Krankheitsgeschichte hat der Autor insgesamt sehr positiv verarbeitet. Das möchte er weiter geben: „Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus all diesen Erlebnissen ziehen konnte, war jene, dass es eben „nichts Besonderes“ für uns Diabetiker ist, all diese Abenteuer erleben und bestehen zu können, dass wir keinen weiteren Einschränkungen unterliegen als jenen, die wir in unseren Köpfen zulassen.“

Autor: Beata Mazuryk

Quelle: Quelle: Sieben Welten - Seven Summits. Mein Weg zu den höchsten Gipfeln aller Kontinente.
Autor: Geri Winkler
Verlag: Tyrolia-Verlag
Erscheinungsjahr: 2011 (1. Auflage)
ISBN: 9783702231200

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