Erstellt am: 08.04.2004
Letzte Änderung am: 08.04.2004
Selbsthilfegruppen bieten vielen Betroffenen von Diabetes eine gute Möglichkeit, außerhalb der Arztpraxis Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Diabetiker können von diesem Angebot nur profitieren: In regelmäßigen Treffen wird meist diskutiert, informiert und nicht selten auch Speck abtrainiert.Doch Selbsthilfegruppen fallen nicht vom Himmel. Einer muss die Fäden in die Hand nehmen: Treffen organisieren, Informationen recherchieren und geeignete Experten einladen. Ohne die entsprechende Planung kann es ganz schnell langweilig werden. Zum Glück gibt es Menschen, die sich gerne ehrenamtlich engagieren und ihre Freizeit opfern, um eine oder mehrere Gruppen am Laufen zu halten.
Der Weg zur „eigenen“ Selbsthilfegruppe
Karl Deh, Jahrgang 1936, ist einer von ihnen. Er leitet in Hamburg zwei Selbsthilfegruppen für Diabetiker. Das Ungewöhnliche daran ist, dass er persönlich von der Krankheit gar nicht betroffen ist. Wieso er trotzdem hilft? Der Grund ist einfach: Seine Frau ist bereits seit 20 Jahren an Diabetes Typ 2 erkrankt.
Zunächst nahm sie nur Tabletten. Schmunzelnd erzählt er beim Interview, dass ihn bis dahin der Zucker seiner Frau nicht sehr interessiert hätte. Vor acht Jahren musste sie jedoch auf Insulin umsteigen. Zu den Schulungen für die intensivierte Insulintherapie (ICT) ging sie aber nicht allein. Immer war ihr Mann mit von der Partie. Schließlich wollte er auch wissen, worauf geachtet werden muss. Er vermutet auch, dass er seiner Frau mit seiner Besserwisserei oft auf die Nerven gegangen sei. Doch mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, dass es nur zum Besten seiner Liebsten gewesen sei.
Um noch mehr über Behandlung und die richtige Lebensweise bei Diabetes zu erfahren, haben sich die Dehs bald eine Selbsthilfegruppe gesucht. Nach einiger Zeit wollte sich die damalige Leiterin, eine etwas ältere Dame, zu Ruhe setzen. Seitdem sorgt Herr Deh dafür, dass bei den Treffen der Gesprächsstoff nicht ausgeht.
Dabei könnten die Teilnehmer kaum unterschiedlicher sein: Die bis zu 20 Teilnehmer sind zwischen 35 und 80 Jahre alt, haben Typ 1 oder Typ 2 und reichen von neumanifestierten Diabetikern bis hin zu langen „Diabeteskarrieren“. Trotzdem wird eifrig diskutiert. Nicht selten setzt sich die Gruppe auch dafür ein, dass ein etwas uneinsichtigerer Teilnehmer dann doch zum Diabetologen geht.
Anlaufstelle bei Problemen
Um die Leute auch gut beraten zu können, nimmt Karl Deh regelmäßig an verschiedenen Veranstaltungen teil. Er besucht Vorträge und Informationsveranstaltungen des DDB Hamburg. Dazu knüpft er Kontakte zu Apotheken, Diabetologen, Ernährungsberatern und allen, die beruflich mit Diabetes zu tun haben. Hier holt er sich Hilfe bei Fragen, die er in der Selbsthilfegruppe nicht sofort beantworten kann. Zusätzlich sucht er Informationen im Internet. Ab und zu werden auch externe Referenten eingeladen. So steht in der nächsten Zeit noch ein Besuch einer Ernährungsberaterin und der eines Mitarbeiters eines Pharmakonzerns, der selbst Pumpenträger ist, an.
Veranstaltungen dieser Art sind jedoch eher die Seltenheit. Im Mittelpunkt sollen die Mitglieder stehen und eine Möglichkeit haben, über Probleme zu reden, sich auszutauschen oder einfach nur von neuen, manchmal auch kuriosen Meldungen zu berichten. Ratschläge im medizinischen Sinne darf und will er gar nicht geben. Sein Anliegen ist es, mit Hilfestellungen und Tipps weiterzuhelfen. Da er selbst weiß, wie hektisch es oft in Arztpraxen zugeht, möchte er viel lieber einen Ruhepol darstellen, der auch mal geduldig zuhört, ohne ständig auf die Uhr zu sehen.
Fragt man Karl Deh danach, was er an Selbsthilfegruppen als den wichtigsten Aspekt sieht, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Der menschliche Kontakt!“
Immer unterwegs
Und den pflegt er auch neben seinen beiden Gruppen sehr intensiv. Donnerstags verbringt er einen ganzen Tag in der Seniorentagesstätte, in der auch die Treffen der Gruppe stattfinden. Um neun Uhr morgens kocht er erst einmal Kaffe für alle Besucher. Dann folgen Küchendienst und Vorbereitungen der Veranstaltung, die nachmittags stattfindet. Vor 16.30 Uhr verlassen er und seine Frau selten den Treffpunkt. Dass ihm der Kontakt mit Menschen Spaß macht, merkt man ihm deutlich an. Sein Engagement beschränkt sich nicht nur auf ältere Menschen. Einmal im Jahr steht er während eines Zeltlagers für Kinder aus der Stadt von morgens bis abends in der Küche. Er sei zwar hinterher total kaputt, aber die Freude der Kinder sei das beste und würde ihn für alles entschädigen.
Außerdem findet er noch die Zeit, Proben und Auftritte einer kleinen Theatergruppe mit seiner Kamera zu begleiten. Extra dafür hat er sich einen Computer gekauft, erzählt er. Denn Foto und Film seien schon immer sein Hobby gewesen. Und jetzt mit der digitalen Technik mache die Bearbeitung gleich noch mal so viel Spaß.
Auf die Bemerkung, dass sein Alltag fast noch voller sei, als der eines Berufstätigen, lacht er nur: „Immer noch besser, als den ganzen Tag zu hause zu sitzen und nur aus dem Fenster zu kucken.“ Er habe Freude am Leben und diese Freude wolle er auch weitergeben.
... und ganz nebenbei passt er auch noch auf, dass der HbA1c Wert seiner Frau auch weiterhin so gut bleibt.
Autor: Ramona Völkl
Quelle: Das telefonische Interview wurde am 29.03.2004 geführt.