Erstellt am: 25.08.2009
Letzte Änderung am: 25.08.2009
Im reichen Europa sind schätzungsweise 22 Millionen Kinder zu dick, weil sie zu fett und zu süß essen. Die Europäische Union hat deshalb ein „Schul-Obst-Programm“ eingerichtet. Auch Deutschland will teilnehmen, doch die Länder weigern sich bisher 12,5 Millionen Euro in bessere Ernährung von Schulkindern zu investieren.
Die Folgen von Übergewicht bei Kindern sind mittlerweile hinreichend bekannt: Neben gesundheitlichen Risiken wie Diabetes, Bluthochdruck und beeinträchtigtem Knochenwachstum, müssen die Kinder Spott und Hänseleien ihrer Altersgenossen aushalten. Kindliches Übergewicht ist jedoch kein Charakterfehler, sondern hängt maßgeblich mit der Esskultur im Elternhaus zusammen. Wer schon mit zwei Jahren statt Früchtetee Limonade ins Fläschchen bekommt, greift auch später eher zu Süßigkeiten. Hinzu kommt, dass Cola, Chips und Fritten in manchen Familien Grundnahrungsmittel darstellen.
Mit Schul-Obst gegen Übergewicht und Absatzflaute
Auch Kinder, bei denen die Voraussetzungen nicht gegeben sind, sollen kostenlos Zugang zu frischem Obst bekommen. Deshalb hat die europäische Union ein so genanntes „Schul-Obst-Programm“ eingerichtet. 6 bis 10-jährige Kinder sollen in Bildungseinrichtungen kostenlos mit Äpfeln, Orangen, Bananen und frischem Gemüse versorgt werden. Rund 90 Millionen Euro hat die EU dafür zur Verfügung gestellt. Wer an dem Programm teilnehmen möchte, muss den Etat allerdings aufstocken. Allerdings ist Bildung in Deutschland „Ländersache“. Dass bedeutet, dass nicht die Bundesregierung, sondern die einzelnen Landesregierungen über die Teilnahme an dem Programm entscheiden können und die wehren sich dagegen. Zwar würde jedes Bundesland EU-Hilfen von 20 Millionen Euro kassieren, müsste aber weitere 12, 5 Millionen Euro aus eigener Kasse beisteuern. Das wollen die Länder nicht finanzieren. Sie verweisen darauf, dass mit diesem Programm der Absatz landwirtschaftlicher Produkte, wie zum Beispiel Äpfel und Birnen, gefördert wird. Das gehört in die Zuständigkeit des Bundes und deshalb hier finanziert werden.
Schöne Worte, statt Geld für Bildungspolitik
Der Streit zwischen Bund und Ländern kam kurz vor der Sommerpause auf und wurde deshalb an den Vermittlungssausschuss von Bundestag und Länderkammer verwiesen. Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Ilse Aigner (CDU/CSU), wies die Länder darauf hin, dass die EU-Hilfen auch verfallen können, wenn sie nicht rechtzeitig beantragt werden. Der Bundesrat hat das europäische Schulobst-Programm für Deutschland vorerst blockiert.
Positiver Testlauf
Seit April 2009 wird das Schulobst-Programm an 18 Schulen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vorläufig durchgeführt. Diese Testphase wird bislang vom Bund finanziert, läuft aber im Sommer 2009 aus. Erste Ergebnisse des Tests sind durchweg positiv: Das Obst würde besonders gerne gegessen und die Kinder betrachten das Geschenk als Wertschätzung ihrer Person. Teilgenommen hatten jeweils 6 Grund-, Haupt- und Förderschulen. Zu den erklärten Lieblingsfrüchten der Kinder gehören an erster Stelle Erdbeeren, Äpfel und Kirschen. Beim Gemüse lagen Gurken, Möhren und Tomaten vorne. Auch logistisch lasse sich das Programm gut durchführen: Die Lieferungen seien verlässlich und die Verteilung an die Kinder gestalte sich einfach, hygienisch und problemlos.