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Pillenskandal in Frankreich

Skandal um Diabetes-Präparat: Frankreich kündigt Reform an

© H. Chiros/pixelio Das in Frankreich noch 2009 zugelassene Diabetes-Medikament "Mediator" hat aufgrund einer lebensbedrohlichen Nebenwirkung vor wenigen Monaten für einen schwerwiegenden Skandal gesorgt. Verstorbene Patienten und in die Kritik geratene Aufsichtsbehörden - die Konsequenzen könnten sich auf viele Länder der EU ausweiten.

Ende 2010 berichteten die Medien von etwa 500 Menschen, die aufgrund der Mediator-Therapie verstorben sind. Neusten Zahlen der französischen Gesundheitsbehörde zufolge forderte der Pillen-Skandal sogar rund 2000 Todesopfer. Der herstellende Pharmakonzern Servier sieht sich hierfür bislang nicht in der Verantwortung. Man gehe von "nur drei Todesfällen" aus. Diese Patienten hätten nach Konzernangaben an vielen Krankheiten gelitten und seien daran gestorben, so die offiziellen Angaben des Unternehmens.   

Studien: Mediator hätte längst verboten werden sollen

Servier entwickelte das in die Kritik geratene Medikament bereits 1976. Als Zielgruppe waren zunächst übergewichtige Diabetiker gedacht. Später wurde das Präparat aufgrund seiner appetithemmenden Wirkung auch Normalgewichtigen zur Unterstützung einer Diät verordnet. Mit fatalen Folgen: In den 90er Jahren stellte sich heraus, dass der Appetitzügler zu schwerwiegenden Herzerkrankungen (z.B. Herzklappenschäden) führen kann. Dieses Ergebnis konnte die aktuelle Studie der Inspection Générale des Affaires Sociales (IGAS) zum Thema Mediator erneut belegen. Die Pille hätte bereits vor zehn Jahren in Frankreich verboten werden müssen, heißt es in dem Gutachten. Immerhin haben mehrere europäische Staaten aber auch die USA das Medikament damals vom Markt genommen. In Deutschland wurde es nie zugelassen.

Aufsichtsbehörden haben systematisch versagt
Der vorgelegte IGAS-Bericht hat ferner auf die Versäumnisse der französischen Behörden aufmerksam gemacht. Es wird bemängelt, dass Risiken vieler Präparate erst bekannt werden, nachdem diese längst verschrieben und von tausenden Patienten eingenommen wurden. Aus ähnlichen Gründen mussten in den vergangenen Jahren unter anderen die Medikamente Vioxx, Sibutral und Avandia vom Markt genommen werden. Außerdem soll die europäische Arzneimittelagentur EMA bei der Einschätzung von Mediator Fehler begangen haben.Während das Medikament in Spanien bereits 2003 verboten wurde, hatte man Frankreich erst 2009 auf diese Notwendigkeit aufmerksam gemacht.

Pillenskandal als Politikum

Mittlerweile wächst sich die Aufregung um die tödliche Pille zu einem politischen Skandal aus. Servier soll dank seiner Beziehungen die Gefahren des Produkts verharmlost und dadurch die Zulassung ergattert zu haben. Auch vielen Behörden und Politikern wird aufgrund ihrer engen Zusammenarbeit mit dem in Verruf geratenem Arzneimittelhersteller der Vorwurf des Lobbyismus gemacht. So sollen zwei der Berater des französischen Gesundheitsministers Xavier Bertrand für Servier tätig gewesen sein. Die Staatssekretärin im französischen Gesundheitsministerium, Nora Berra, hat eine ähnliche Karriere vorzuweisen. Auch Präsident Sarkozy soll für das Pharmakonzern in jungen Jahren als Anwalt gearbeitet haben und ein Freund des Gründers und Patron des Unternehmens sein. Pharmakritiker sprechen dabei bereits von „Vasallen der Pharmaindustrie“.

Bertrand kündigt Reform der Arznei-Politik an
Bertrand hat mittlerweile eine umfassende Reform des Aufsichtssystems im Medizinbereich angekündigt. So soll das Prüfsystem für neue Arzneimittel künftig strenger gestaltet werden. Die Unschädlichkeit von Medikamenten muss eindeutig nachgewiesen werden. Zurzeit stehen rund 77 Produkte unter verstärkter Beobachtung und wurden von der französischen Arzneimittelkontrollbehörde in Form einer Liste publik gemacht. Das Ziel: mehr Information und Transparenz für die verunsicherten Patienten. Unter die betroffenen Präparate fallen auch Mittel für Diabetiker, wie beispielsweise das häufig verschriebene Actos oder Psychopharmaka wie Zyprexa. Die Ergebnisse der Untersuchung werden unter anderem der EMA vorgelegt. Diese wiederum kann ein europaweites Verbot von Arzneimitteln veranlassen. Die geplanten Änderungen im französischen Medizinmarkt könnten sich insofern bald auf den Pillenmarkt hierzulande auswirken. 

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