Erstellt am: 22.01.2010
Letzte Änderung am: 22.01.2010
Seit längerem besteht die Debatte um IQWiG-Chef Prof. Dr. med. Peter T. Sawicki. Uneinigkeit herrschte darüber, ob er einen weiteren Fünf-Jahres-Vertrag erhalten solle oder nicht. Mehrere Vorwürfe gegen den Arzneimittelprüfer und seine Methoden mit denen die Effektivität und die Kosten neuer Medikamente im Vergleich zu herkömmlichen geprüft werden, wurden in verschiedenen Fachverbänden und politischen Instanzen diskutiert. Nun hat die Diskussion ein Ende gefunden. Der Chef des Arzneimittelprüfinstituts muss seinen Posten zum 31. August hin räumen.
Am Mittwoch den 20.01.2010 beratschlagte der Vorstand der Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen fast fünf Stunden lang über die Zukunft des Leiters des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Das vorläufige Resultat war wie bereits erwartet: Prof. Dr. med. Peter T. Sawicki Vertrag soll auslaufen. Die endgültige Entscheidung wurde jedoch heute erst getroffen, da noch der Stiftungsrat angehört werden musste. Dieser teilte mit, dass der Vertrag des 52-jährigen Wissenschaftlers nach dem 31. August nicht verlängert werde. Sawicki zeigte sich enttäuscht, er hätte gerne noch weitergemacht.
Opfer politischer Interessen?
Verschiedene Vorwürfe gegen den Arzneimittelprüfer waren seit langem im Umlauf. Beispielsweise, dass er diverse Abrechnungsfehler begangen habe, wie dieser Tage die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete. Konkret ging es dabei um unnötig geleaste Dienstwagen, falsch abgerechnete Tankquittungen und teure innerdeutsche Business-Class-Flüge.
Tatsächlich scheint jedoch mehr hinter dem Rauswurf zu stecken. Norbert Schmacke, Gesundheitswissenschaftler von der Universität Bremen, äußert dazu: "Das riecht nach einer rein politischen Entscheidung".
Das IQWiG wird aus der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert und bewertet Vor- und Nachteile von medizinischen Leistungen sowie die Wirksamkeit von Arzneimitteln. So profilierte sich Sawicki als Kritiker der Pharmaindustrie. Aktuell machte er sich vor allem bei den Menschen mit Diabetes unbeliebt. Er sprach beispielsweise Mitte Dezember 2009 der Blutzuckerselbstmessung für nicht insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker den Nutzen ab.
Sawicki brachte aber nicht nur vereinzelte Bürger mit seinen Entscheidungen gegen sich auf, sondern auch Pharmaindustrie und Politik. Mit seinem Urteil beispielsweise, dass die kurzwirksamen Insulinanaloga nicht besser als herkömmliches Humaninsulin seien, machte er sich wenig Freunde. Allein auf Grundlage der Urteile von Sawickis Institut entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss, ob Medikamente zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden oder nicht. Dazu verärgerte er auch die Krankenkassen. Es gab Dispute um Behandlungen, die IQWiG für gut befand, die aber die Krankenkassen eigentlich nicht mehr bezahlen wollten.
Als Folge seiner Handlungen hatten bereits im November 2009 Union und FDP vereinbart, die Arbeit des Instituts zu prüfen und "damit die Akzeptanz von Entscheidungen für Patienten, Leistungserbringer und Hersteller" zu verbessern. Ende November wurde dann verlautet, dass Regierungskreise sowie die von FDP-Mitglied Baum geführte DKG offenbar die Ablösung Sawickis einleiteten. Die Wirtschaftsminister der Länder wie auch der damalige Wirtschaftsminister Niedersachsens und heutige Gesundheitsminister Philipp Rösler äußerten, dass bei der Bewertung von Arzneimitteln auch Kriterien wie die "Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere der heimischen pharmazeutischen Unternehmen", einfließen müssten. Sawicki überging solche Kriterien jedoch.
Der Rauswurf des Arzneimittelprüfers kommt also nicht unerwartet. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte stern.de gegenüber die Meinung, dass von Anfang an klar gewesen sei, dass Union und FDP dass Institut nicht nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin laufen lassen wollten. "Sawicki war für die Neuausrichtung des Instituts der falsche Mann. Deswegen musste er entsorgt werden", kritisiert Lauterbach.
Autor: Kerstin Kirchner
Quelle:
http://www.stern.de/gesundheit/2-iqwig-chef-sawicki-ein-opfer-der-pharmalobby-1537740.html
http://www.diabsite.de/aktuelles/nachrichten/2010/100119b.html
http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2010-01/sawicki-iqwig-gesundheit
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,673239,00.html