Erstellt am: 21.12.2004
Letzte Änderung am: 21.12.2004
"Ich hab keinen Bock mehr auf dieses blöde Gespritze!" Tim hat es satt: Seit 3 Jahren muss er täglich Insulin spritzen. Selbst heute, auf der Grillparty zum 95. Geburtstag seines Ur-Opas, muss er extra sein Spritzbesteck rausholen! Jetzt würde er seine Spritze am liebsten in die nächste Ecke pfeffern.Aber das lässt Ur-Opa Willi nicht zu! "Hey Tim, Insulin spritzen ist doch nun wirklich nichts Schlimmes! Setz Dich mal mit zu mir auf die Bank...".
Tims Ur-Opa ist für sein Alter noch ziemlich auf Zack. Außerdem: Einen Ur-Opa hat nicht jeder, dazu noch so einen coolen! Ur-Opa Willi erzählt nie langweilige Geschichten, bei denen man fast einschläft, sondern meistens aufregende Storys aus seinem Leben in Amerika. Deswegen weiß Tim jetzt schon: Es erwartet ihn wieder eine spannende Erzählung! Schnell ist sein Ärger über das lästige Gespritze verflogen.
"Weißt du eigentlich, dass mein bester Kumpel Leonhard aus Toronto auch Diabetes hatte? Wir waren als Kinder die besten Freunde." "So wie Andy und ich?" fragt Tim. Andy kennt er schon aus dem Kindergarten. Er und Tim spielen im gleichen Fußballverein und sind auch sonst unzertrennlich. "Ja, so ungefähr war es damals mit mir und Leonhard auch" meint Willi, während er sich erstmal genüsslich eine Bratwurst zu Gemüte führt. "Der einzige Unterschied war, dass die Menschen damals noch nicht so genau wussten, wie das mit dem Insulin funktioniert. Als Leonhard dann mit 13 plötzlich krank wurde, stand es ganz schön schlecht um ihn. Seine Eltern wussten, dass er in kurzer Zeit sterben würde, wenn nicht ein Wunder geschieht." Tim macht große Augen. "Ja, und wie ist er dann wieder gesund geworden, so ganz ohne Insulin??? Du hast doch noch später mit ihm die große Asienreise gemacht!"
"Tja, das war schon etwas ganz Besonderes mit Leonhard..." Ur-Opa Willi steckt sich erstmal eine Pfeife an. "Man könnte sagen, dass er sogar ein wenig berühmt geworden ist durch seine Krankheit." Tims Augen haben mittlerweile die Form zweier übergroßer Tomaten angenommen. "Wie? ...krank, wieder gesund und jetzt auch noch berühmt...Opa, ich glaub, du willst mich veräppeln!" "Keineswegs", fährt Willi fort, "also, das war so:
Früher wusste man noch nicht so gut über Diabetes bescheid. Deswegen sind Diabetiker schon nach kurzer Zeit gestorben! Die Ärzte hatten nur eine vage Ahnung davon, dass in der Bauchspeicheldrüse ein Stoff produziert wird, der den Blutzucker senkt. Erst kurz bevor Leonhard krank wurde, erkannten sie, dass dieser Stoff - nämlich das Insulin - bei Diabetikern fehlt."
"Wow" staunt Tim, "das wusste ich nicht. Aber dann haben die Ärzte sicher Insulin gemacht, um den Kranken zu helfen?" "Na du bist gut", schmunzelt Uropa Willi, "Insulin machen, so einfach war das 1923 gar nicht! Oder wüsstest du, wo man "einfach so" Insulin herbekommt?" "Klar - aus der Apotheke" tönt Tim. "ha-ha", grinst Willi, "im Ernst: Das ist gar nicht so leicht!
Zwei Wissenschaftler aus Toronto haben damals ein bisschen herumexperimentiert. Einer hatte die Idee, dass man ja vielleicht das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Tieren gewinnen könnte. In aufwendigen Verfahren gelang es tatsächlich! Aber natürlich wusste keiner so richtig, ob das Insulin von Tieren tatsächlich den Menschen hilft...
Leonhard ging es damals schon richtig schlecht. Du wirst es nicht glauben: Er war der erste auf der ganzen Welt, der überhaupt Insulin gespritzt bekam - aus der Bauchspeicheldrüse von einem Kalb!!! Natürlich hatte er ganz schön Angst - aber schon nach kurzer Zeit war er wieder richtig fit!"
"Was für eine Geschichte...und seitdem bekommen alle Diabetiker Insulin, wenn sie es brauchen?" "Genau!" sagt Willi. "Aber Insulin aus Tieren - ist das nicht eklig?" Tim wird im Magen auf einmal ganz anders.
Ur-Opa Willi muss erstmal Lachen. Dabei verschluckt er sich fast an seiner zweiten Bratwurst, die er inzwischen vertilgt. "Quatsch, das ist überhaupt nicht eklig! Klar, früher war das alles noch ein bisschen anders, aber heutzutage wird das Insulin speziell gereinigt!" Sofort wird es in Tims Magen wieder etwas ruhiger. "Übrigens", fährt Willi fort, "Insulin wird nur aus Tieren gewonnen, die ohnehin bereits geschlachtet wurden. Es wird also kein Tier wegen eines Diabetikers umgebracht! "Ein Glück", sagt Tim. Jetzt könnte sein Magen wieder etwas zu essen vertragen.
"Aber mittlerweile gibt es in Deutschland sowieso kaum noch tierisches Insulin; denn man kann jetzt sogar künstliches Insulin herstellen, z.B. aus Hefezellen!" erzählt Willi weiter, "Junge, Junge, was mit moderner Technik heutzutage alles möglich ist....wenn Diabetiker das tierische Insulin nicht so gut vertragen, bekommen sie einfach das andere oder umgekehrt. Es gibt heute ganz viele verschiedene Insulinarten: lange wirkende, nur kurz wirkende, erst nach längerer Zeit wirkende...da ist für jeden Diabetiker was Passendes dabei...Praktisch, oder? Und das ist erst der Anfang! Ich könnte Sachen erzählen..." Ur-Opa Willi nimmt einen tiefen Atemzug, um genug Luft für den nächsten Redeschwall zu haben.
Tim ahnt, was jetzt kommt: Wenn Willi erstmal angefangen hat, findet er meist kein Ende mehr. "Ähm Opa Willi...ich glaub, jetzt wird es aber wirklich Zeit für meine Spritze!". Willi grinst breit, und auch Tim kann sich das Lachen nicht verkneifen.
Immer, wenn er jetzt mal keine Lust aufs Spritzen hat, denkt Tim an Ur-Opas berühmten Freund - wie gut, dass es Insulin gibt!!!
P.S.: Die Geschichte ist nicht frei erfunden: Der 13-jährige Leonhard Thomson aus Toronto war 1923 der erste Diabetiker, der erfolgreich mit Insulin behandelt wurde.