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Medikamente

Alte Medikamente im neuen Gewand

© H. Chiros/pixelio Die Gesetzlichen Krankenkassen begründen ihre Finanzdefizite und die voraussichtliche Erhebung von Zusatzbeiträgen nicht zuletzt mit der Preispolitik der Pharmaindustrie. Mittels so genannter Scheinmedikamente, Absprachen und Preiserhöhungen würden die Unternehmen satte Gewinne erzielen – zu Lasten der Versicherten. Doch wie ist das überhaupt möglich?

Im Durchschnitt braucht ein neuer Wirkstoff von seiner Entdeckung oder Erfindung bis zur Zulassung als Arzneimittel 10 bis 12 Jahre. Wenn der Wirkstoff beziehungsweise das Medikament erfolgsversprechend ist, wird es zum Patent angemeldet. Der Patentschutz gilt für etwa 20 Jahre. Danach dürfen andere Hersteller mit dem Wirkstoff ein Generikum, also ein nachgeahmtes Präparat herstellen. Solange das Medikament unter Patentschutz steht, versuchen die Hersteller dessen hohen Entwicklungskosten über den Verkaufspreis wieder auszugleichen. So kommt es beispielsweise, dass die Therapie der Immunschwächekrankheit AIDS mit drei verschiedenen Präparaten in Deutschland durchschnittlich 1.500€ pro Monat kosten kann. Generika-Hersteller können Patente jedoch auch anfechten und das geschieht inzwischen immer früher. Wenn ein Patent abgelaufen oder aufgehoben ist, können die

Generika-Hersteller es ganz legal zu einem wesentlich geringeren Preis anbieten, als die Entwicklerfirmen. Dann findet meist ein deutlicher Preisverfall statt und das betroffene Medikament bringt den Entwicklern immer weniger Gewinn. Die EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes bekämpft deshalb ein neues Phänomen: Generika-Hersteller bauen ein Präparat nach, lassen sich von der Entwicklerfirma eine lukrative Stillhalte-Prämie auszahlen und bringen es dann erst einmal nicht auf den Markt. Die Zeche zahlen jedoch die Kranken, denen weiterhin nur die teuren Originalpräparate zur Verfügung stehen.

Scheininnovationen bei Diabetes-Medikamenten

Ein weiteres Mittel um hohe Gewinne mit niedrigem Risiko und Aufwand zu erzielen, sind so genannte Scheininnovation. Darunter verstehen die Kassenvertreter neue Medikamente, die sich von älteren Mitteln kaum oder gar nicht in ihrer Wirkung unterscheiden. Diese werden jedoch häufig teurer verkauft, weil sie ja neu seien. Diese Scheinmedikamente zu entlarven, ist jedoch teuer und sehr zeitaufwendig. Für eine solche Scheininnovation hält das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) unter anderem auch die Insulinanaloga für Typ-1-Diabetiker. Die kurzwirksamen Insulinanaloga „Lispro“, „Aspart“ und „Glulisin“ sind in Deutschland seit 10 Jahren auf dem Markt. Nach Meinung vieler Nutzer und Fürsprecher verbessern diese Analoga die Lebensqualität der Patienten, weil der so genannte Spritz-Ess-Abstand wegfällt, und verringern das Risiko von Komplikationen. Zumindest für das Argument Spritz-Ess-Abstand konnte das IQWIG keine Belege finden: Auch bei langwirksamen Insulinen muss keine zeitliche Verzögerung zwischen Spritzen und Essen eingehalten werden. Die wenigen Langzeitstudien zur Wirkung der Insulinanaloga lieferten ebenfalls keine stichhaltigen Beweise dafür, dass sie irgendwelche Vorteile gegenüber langwirksamen Insulinen hätten.

Warum kostet das gleiche Medikament in Deutschland mehr als im Ausland?

Es gäbe ein Preisdiktat seitens der Pharmaindustrie für Medikamente sagte der Vorsitzende der AOK Rheinland/Hamburg, Wilfried Jacobs, gegenüber der „Bild“-Zeitung Anfang Dezember 2009. In Deutschland sind einige Medikamente rund 30% teurer als im europäischen Ausland. Besonders ärgerlich für die Krankenkassen ist, dass sie bei den Verhandlungen über die Preise für Arzneimittel nicht zugegen sind. Zwar dürfen die Kassen mittlerweile Rabatt-Verträge mit Pharmaunternehmen abschließen, dennoch bestünde ein Einsparpotential bei überteuerten Medikamenten von mehr als 1,5 bis zwei Milliarden Euro pro Jahr. Um überteuerte Präparate oder Scheininnovationen jedoch zu entlarven, bedarf es aufwendiger Kontrollen und Prüfungsverfahren. Bis die Krankenkassen die Kostenerstattung solcher Medikamente einstellen können, dauert es oft Jahre.

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