Erstellt am: 16.11.2003
Letzte Änderung am: 16.11.2003
Diabetes, vor allem Typ 2, gilt hierzulande als Wohlstandskrankheit von der größtenteils, so zumindest die allgemeine Vorstellung, Bewohner der westlichen Industriestaaten betroffen sind. Der ungesunde Lebensstil, fettreiche Nahrung, Schreibtischjobs und Mangel an Bewegung tragen ihr übriges dazu bei. Eine der häufigsten Folgen ist der Alters-Diabetes, von dem zunehmend auch jüngere Menschen betroffen sind.
Das Bild des wohlgeformten Europäers oder Fastfood vernarrten Amerikaners wirft seine Schatten voraus, denn "Zucker" könnte bald zum globalen Problem werden. Die WHO stellte in ihrem diesjährigen Ernährungsbericht einen gewaltigen Anstieg "westlicher Erkrankungen" in den Metropolen der Dritten Welt fest. Herz-Kreislauf Probleme, Krebs, Altersdiabetes und Fettsucht steigen trotz des geringen Pro-Kopf Einkommens stetig an. Grund dafür sind einerseits die zucker- und fettreichen Speisen, die in Großstädten an jeder Straßenecke erhältlich sind, die Zunahme von Bürojobs, Stress und mangelnde Bewegung. Ärzte in Indien rechnen mit einer regelrechten Erkrankungswelle. Prognosen sagen bis zum Jahr 2022 einen Anstieg von 25 auf 60 Millionen zuckerkranken Indern, vor allem Typ 2, voraus. Ein von den Ärzten kaum zu bewältigender Boom an Kranken. Erste Präventionsprojekte und Schulungen für Mediziner sind bereits angelaufen. In einigen Ländern Afrikas und Südamerikas sieht es ähnlich aus. Vorsorge ist die beste Medizin, die aber mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden ist.
Geld versus Gesundheit
Können die besser verdienenden in den großen Metropolen eine Therapie finanzieren, sieht es in den ländlichen Gegenden anders aus. Gesundheitliche Prävention und eine ausreichende medizinische Versorgung stehen aus Geldmangel in vielen Ländern der Dritten Welt oft hinten an. Besonders hart trifft es die Insulin-spritzenden Diabetiker. Selbst 80 Jahre nach der Entdeckung des Insulins kann einem Großteil der Patienten keine ausreichende Insulin-Therapie gewährleistet werden. Versorgungsengpässe, teure Medikamente, wozu auch Insulin zählt, Transportschwierigkeiten und eine unzureichend ausgebaute ambulante Infrastruktur erschweren eine angemessene Behandlung. Den Ärzten sind die Hände gebunden. Über Blutzuckermessgeräte oder Insulinpumpen verfügen die wenigsten.
Weltweite Pharmakonzerne haben ihren Anteil daran. Viele Entwicklungsländer erhoffen sich mit einem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) einen größeren Absatzmarkt. Die Zustimmung zu den entsprechenden GATT-Verträgen beinhaltet aber ebenfalls die TRIPS-Verträge (Trade-related Aspects of Intellectual Property Rights). Diese sichern den Schutz des geistigen Eigentums, d.h. dass auf alle Patente eine Schutzfrist von 20 Jahren festgelegt ist. Ländern mit einer unzureichenden oder gar nicht vorhandenen Pharmaindustrie ist es unmöglich, die Medikamente im eigenen Land herzustellen und sie zu einem bezahlbaren Preis anbieten zu können. Kranke die behandelt werden könnten, gehen leer aus. Seit 1970 gibt es in Indien nur Patente auf Prozess- und nicht Stoffpatente, den ansässigen Firmen war damit eine Nachahmung und der billigere Export in Entwicklungsländer erlaubt. Die WTO schiebt dem einen Riegel vor, indem sie bis 2005 eine Anpassung an den WTO- Standard festlegt.
Was paradox klingt, ist eine einfache Kosten-Gewinnkalkulation. Werden jährlich in Kenia nur 17 Dollar pro Kopf für die Gesundheit ausgegeben, sind es in Norwegen 2300 Dollar. Die Forschung schwingt um - zu den zahlungskräftigen Kunden. Der Vertrieb und das Interesse an der Entwicklung neuer Medikamente gegen tropische Krankheiten gehen drastisch zurück. Noch bis heute gilt die Auflage, dass nur in einem medizinischen Notstand, z.B. bei Epidemien, der Patentschutz gelockert werden darf. Ein Teufelskreis, dem auch zahlreiche Zuckerkranke in der Dritten Welt erliegen. Denn Diabetes steht in vielen Ländern nicht auf der roten Liste.
Autor: Steffi Dörries
Quelle:
www.healthandage.com
WHO Diet Report