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Interview mit Nicole Johnson

"Nehmt Eure Krankheit an – glaubt an Euch, alles ist möglich!"

Nicole Johnson Sie sieht sehr gut aus, sie ist intelligent, sie ist erfolgreich und sie hat Diabetes. Nicole Johnson gab nach ihrer Diagnose nicht auf. Obwohl ihr viele Leute sagten, dass sie ihre Träume nun nicht mehr verwirklichen könne, schaffte sie genau das: Sie beendete das College, machte Karriere, wurde Mutter und gewann die Wahl zur Miss America 1999.


D'GATE:
Ihr Diabetes wurde im Herbst 1993 festgestellt. Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen, was haben sie unternommen, um mit Ihrem Diabetes klar zu kommen und wie lange hat das gedauert?

Nicole Johnson: Ich war fassungslos und am Boden zerstört. Ich erinnere mich, dass ich schreckliche Angst hatte, ich fühlte mich so, als ob ich sterben müsste. Ich wusste gar nichts über Diabetes. Ich musste sehr schnell lernen - aber es dauerte einige Jahre, bis ich alles begriffen hatte, mit meiner Krankheit klar kam und mit ihr umgehen konnte. Ich war zunächst so überwältigt, dass mein Diabetes mich kontrollierte. Heute beobachte ich meine Therapie sehr aufmerksam und diszipliniert. Ebenso bin ich sehr akkurat  - ich benutze die neuste Insulin-Pumpen-Technologie, schnell wirksames Insulin und natürlich teste ich meine Blutzuckerwerte acht- bis zehnmal pro Tag.
(Seit sieben Jahren bin ich so energisch im Umgang mit meinem Diabetes. Die ersten vier Jahre verbrachte ich damit, Spritzen zu setzen.)

D'GATE: Wann haben Sie beschlossen, mit Ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Nicole Johnson: Nun, es ist ein schmaler Grat zwischen dem offenen Umgang mit der Krankheit und der doch privaten Seite meiner gesundheitlichen Verfassung. Die ersten vier bis fünf Jahre habe ich öffentlich nicht darüber gesprochen - die meiste Zeit verbrachte ich damit, mit diesem "Zustand" zurecht zu kommen. Einer meiner größten Fehler war, dass ich dachte, ich würde mit meinem Diabetes alleine fertig. 1997 erkannte ich dann, dass ich mir selbst, meinen Freunden und meiner Familie gegenüber ehrlich sein und nach mehr Unterstützung bei meinem Diabetes suchen musste. Damals entschied ich mich auch für eine Insulinpumpe. Es hing alles zusammen. Dadurch, dass ich so energisch wurde, kam auch mein Selbstvertrauen zurück und so wurde auch mein Kampf mit dem Diabetes öffentlich. Heute würde ich sagen, dass es schwer ist, eine Person (in meinem Umfeld) zu finden, die nicht weiß, dass ich Diabetikerin bin. Ich definiere mich nicht über meine Krankheit, aber ich lebe den Diabetes und ich gehe damit sehr offen um.

D'GATE: Als Miss America 1999 mussten Sie viel reisen. Auch heute legen sie pro Jahr viele Meilen zurück. Wie hilft Ihnen die Insulinpumpe dabei?

Nicole Johnson: Die Insulinpumpe ist ein wunderbares Hilfsmittel meiner Diabetes-Therapie. All das, was ich heute mache, könnte ich ohne sie nicht tun. Ich fühle, dass die Freiheit, Flexibilität und die Kontrolle, die ich dadurch bekommen habe, für meinen Erfolg verantwortlich waren. Viele Leute denken, dass die Pumpe zu lästig sei und dass es schwierig sei, damit zu leben - bei mir ist das nicht so. Ich hatte meine besonderen Erfahrungen mit der Pumpe, aber sie hält mich nie von irgendetwas ab. Letzte Woche zum Beispiel war ich Tauchen.

D'GATE: Heute gibt es immer noch eine ganze Reihe von Vorurteilen gegenüber Diabetikern. Kamen und kommen Sie damit auch in Berührung?

Nicole Johnson: Natürlich, wer nicht? Es ist schrecklich, wie viele falsche Informationen und Missverständnisse es gibt. Die Menschen denken immer noch, dass sie sich mit Diabetes anstecken können oder, dass es "keine große Sache" sei. Sie meinen, dass die Betroffenen unter der Krankheit regelrecht leiden. Sie denken immer noch, dass eine Person mit Diabetes mit Samthandschuhen angefasst und mit Adleraugen überwacht werden muss. Das ist nicht wahr! Menschen mit Diabetes können alles machen - so lange sie gut eingestellt sind. Mir wurde gesagt, dass ich wegen meines Diabetes nie einen College-Abschluss schaffen würde, niemals Mutter und auf gar keinen Fall Miss America werden könnte. Ich bin so froh, dass ich darauf nicht gehört und bewiesen habe, dass alles möglich ist - ich arbeite immer noch daran, solche "Sinnestäuschungen" zu widerlegen. Das ist meine Lebensaufgabe. Dazu habe ich mich verpflichtet, damit die Klischees durchbrochen werden. Ich will erreichen, dass alle Diabetiker ihr wahres Potenzial erkennen.

D'GATE: Sie machen Diabetes bekannt und sprechen viel darüber. Was sind Ihre Ziele?

Nicole Johnson: Ja, ich bin etwa 100 Tage im Jahr unterwegs. Ich spreche sowohl mit medizinischen, als auch mit Patientengruppen über Diabetes-Therapien und arbeite mit den Regierungen daran, dass Menschen mit Diabetes alle Möglichkeiten bekommen, die ihnen zustehen. Zusätzlich zu meinen Reisen schreibe ich in Zusammenarbeit mit der Georgtown University monatliche Kolumnen für "Diabetes Health" und "MyCarTeam.com". Ich mache gerade meinen Master in Public Health und schreibe an meinem vierten Buch über Diabetes - aus der Sicht der Patienten.

D'GATE: Welche Reaktionen erhalten Sie auf Ihre Arbeit? Können Sie Erfolge erkennen?

Nicole Johnson: Ich bekomme immer sehr positives Feedback. Es ist unglaublich erfüllend und inspirierend, wenn man sieht, was mit Patienten passiert, wenn diese erkennen, dass sie über eine Stimme verfügen und die Möglichkeit habe, ihr Leben zu verändern. Ich liebe das! Ich hoffe, dass durch die rechtliche Arbeit der letzen sechs Jahre Leben gerettet werden konnten und Hoffnung in den Herzen der Menschen mit Diabetes Platz gefunden hat - direkt oder indirekt.

D'GATE: In Deutschland versuchen die meisten Leute, besonders prominente, zu verbergen, dass sie Diabetiker sind. In den USA dagegen gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die darüber sprechen. Was denken Sie, woher das kommt?

Nicole Johnson: Nun, das ist noch ziemlich neu. Die Menschen haben lange Zeit nicht darüber gesprochen - und meiner Meinung nach sind es auch noch nicht genug. Ich denke, dass unsere Kultur zu realisieren beginnt, dass Diabetes ein enormes Problem ist, das immer schlimmer wird. Wir müssen etwas tun - wir müssen die Menschen mit Diabetes aufrütteln, damit sie die Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Je mehr Menschen ihre Erfahrungen und ihre Kenntnisse teilen, um so besser. So denke ich, können Veränderungen passieren - und das kann Leben retten.

D'GATE: Welche Wünsche für die Zukunft haben Sie der Diabetes-Therapie?

Nicole Johnson: Mein größter Wunsch ist die Heilung der Krankheit. Sie ist so schrecklich, sie ist überall. Ich hoffe, dass die Forschung neue Produkte und Behandlungsmöglichkeiten schafft, die das Leben mit Diabetes einfacher machen - oder eben heilen. Ich würde nur zu gerne sagen "Ich hatte einmal Diabetes!"

D'GATE: Was raten Sie Diabetikern, wie sie ihr Leben mit der Krankheit erfolgreich meistern können?

Nicole Johnson: Testet oft Eure Blutzuckerwerte! Das ist der einzige Weg, wie wir herausbekommen, wie wir unsere Situation am besten meistern können. Ich lerne immer noch - und das seit elf Jahren! Je mehr ich teste, umso besser fühle ich mich, umso ruhiger handle ich und umso eher kann ich äußere Einflüsse auf meinen Körper einschätzen. Dies ist der Schlüssel für ein gesundes Leben und für die erfolgreiche Behandlung eines Diabetes!
Und gebt nie auf. Ihr müsst Euch daran erinnern, dass Eure Einstellung zum Diabetes ein unglaublich wichtiger Aspekt in der Therapie und der Kontrolle darstellt. Wenn Ihr eine schlechte Einstellung gegenüber der Krankheit habt, wird eine gute Therapie nicht möglich sein. Nehmt Eure Krankheit an - glaubt an Euch und eine gute Einstellung der Werte, alles ist möglich.

Vielen Dank für das Interview!

Autor: Ramona Völkl

Quelle: Das Interview wurde im Dezember 2004 geführt.

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