Erstellt am: 17.08.2004
Letzte Änderung am: 19.04.2006
Seine Frau Walterscheid ist seit fast 15 Jahren Legende. Und auf die Frage "Wie isset?", antwortet der Bonner Kabarettist Konrad Beikircher natürlich immer noch mit "Joot!". Obwohl seine Fernsehpräsenz in den letzten zwei Jahren etwas abgenommen hat, ist sein Erfolg ungebrochen. Beikircher beackert mittlerweile einfach nur mehr Felder: Neben seinem aktuellen Kabarett-Programm "... und sonst?!", das ihm stets volle Häuser beschert, beglückte uns der Überzeugungsrheinländer mit je einem Konzert- und Opernführer, gibt sich immer wieder italienischen Liederabenden hin, kocht und erzählt.Apropos: Auch gerade erzählt er - wir haben uns nämlich zum Interview verabredet und sitzen unweit des Senftöpfchens in Köln, bei seinem Lieblingsitaliener mit Blick auf den Rhein.
Leicht kommt man vom "Hölzken auf's Stöcksken" im Gespräch mit dem gebürtigen Italiener Beikircher. Doch drängt sich eine Frage auf, betrachtet man das bisherige Leben und Schaffen des nunmehr 58jährigen: Als Südtiroler sich des hiesigen Idioms zu bedienen und öffentlich im rheinischen Soziotop zu wühlen erscheint auf den ersten Blick zumindest mutig. Dazu kommt der vor elf Jahren diagnostizierte Diabetes - für einen kreativen Workaholic doch bestimmt ein Hemmschuh. Um es auf den Punkt zu bringen: "Immi" und krank - ist das nicht doppelt schlimm? "Ich sach mal so: Ich kann mich nicht beschweren!" Schließlich sei er damals der Liebe wegen in hiesigen Gefilden hängen geblieben und habe es eigentlich nie bereut. Dass er dann quasi aus der Not eine Tugend gemacht hat, wolle er ja gar nicht bestreiten: Die rheinische Seele sei der italienischen sehr verwandt, so nähmen es auch Kabarettkollegen wie Hüsch und Becker eher sportlich, dass da ein Kuckuck seine Eier in ein fremdes Nest legt.
Beim Blick auf die Menschen, bei der Analyse ihres Redens, Denkens und Fühlens kommt Beikircher natürlich sein Psychologiestudium und seine langjährige Tätigkeit im Knast zu Gute. Vielleicht hat er dort auch den offenen, manchmal gar offensiven Umgang mit seiner Krankheit gelernt? "Ich bin ja Jugenddiabetiker und empfinde das in meinem Alter fast als Auszeichnung." Ansonsten genieße er alle Vorteile, die ein Diabetes mit sich bringe: Er lebe bewusster und ernähre sich gesünder als ein Großteil seiner Mitmenschen. "Ich kann doch alles essen und trinken - es muss halt nur eine Topqualität haben." Und seit er sich für die Insulinpumpe entschieden hat, ist nur noch das Blutzuckermessen in der Öffentlichkeit ein möglicher Stein des Anstoßes. Allerdings hat Beikircher - im Gegensatz zur Mehrzahl betroffener Prominenter - sowieso nie ein Geheimnis aus seiner Stoffwechselkrankheit gemacht. Und freut sich fast über "jede blöde Frage". Dann wird er zum Entertainer und zum "Botschafter der Betroffenen". Denn seine Meinung über viele Leidensgenossen ist so eindeutig wie kompromisslos: Wer ständig lamentiert und sein Umfeld zum Publikum seines Leidens macht, kann nicht glücklich leben. "Ich lasse diese Krankheit doch nicht alles mit mir machen. Ich mache selber und lebe damit ganz gut."
Was nicht heißt, dass Konrad Beikircher seinen Diabetes nicht Ernst nähme. Im Gegenteil, sein Wissen ist immens und Konsequenz im Handeln ist ihm selbstverständlich. Ein Blick auf seinen Teller genügt ihm, um die BEs abzuschätzen, dann einen Tropfen Blut auf seine Fingerkuppe zu zaubern, seinen Blutzuckerwert zu notieren und mittels Pumpe die Insulinzufuhr zu regulieren. Auch das Glas Weißwein bedeutet kein wirkliches Problem. "Man muss nur wissen, was man tut und sich der Konsequenzen bewusst sein." Sicherlich kommt ihm dabei zu Gute, dass er trotz der über 30 Jahre im Rheinland zwar fast alles an den Menschen hier liebt - aber beim Essen doch ganz Italiener geblieben ist.
Autor: Joerg Utecht
Quelle: Interview August 2004
Weitere Informationen zu Konrad Beikircher:
www.beikircher.de