Erstellt am: 22.05.2003
Letzte Änderung am: 22.05.2003
1984 holt er mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Los Angeles Silber; 1988 Silber in Seoul; 1992 die Gold-Medaille in Barcelona: Insgesamt 259 Länderspiele bestritt der Ausnahmesportler mit seinem Team, und mit 154 Toren gilt er heute noch als Rekordhalter der deutschen Hockey-Hitliste. Ein Gespräch mit Carsten Fischer, Typ-1-Diabetiker, über sein Leben, seine Krankheit, seine Wünsche.
Steckbrief:
Carsten Fischer, am 29.8.1961 in Duisburg geboren, ist heute Oberarzt der Orthopädischen Klinik des Marienhospitals in Oberhausen und spezialisiert auf orthopädische Chirurgie und Chirotherapie. Hockey bezeichnet der ehemalige deutsche Nationalspieler auch heute noch als "eine der schönsten Sportarten der Welt". Carsten Fischer ist seit 1997 mit seiner Frau Marlies verheiratet, die beiden haben zwei Töchter, Saskia (4) und Nina (2). Neben seiner Familie sind ihm sein Beruf, immer noch der Sport, seine Freunde und die Gartenarbeit wichtig.
Interview:
Im November 1990 erfuhren Sie, dass Sie an Typ-1-Diabetes erkrankt waren. Können Sie sich an diesen Tag noch erinnern?
Ein ganz normaler Arbeitstag, morgens habe ich mir Blut abnehmen lassen wegen typischer Diabetes-Anzeichen (Müdigkeit, Durst, Schlappheit, Gewichtsverlust etc.), in der Vermutung, mir eine Erkrankung (z.B. Hepatitis) zugezogen zu haben. An Diabetes habe ich da noch nicht gedacht. Nach fünf Stunden OP dann die Ernüchterung: BZ 540 mg%!! Ich war geschockt und dachte: Jetzt ist alles vorbei.
Wieviel wußten Sie dank Ihres Medizin-Studiums bis dahin über Diabetes?
Über Diabetes wußte ich aufgrund meines Studiums natürlich all das, was in den Büchern steht, aber nicht, wie man damit umgeht, wie man damit lebt.
Inzwischen sind Sie Oberarzt der Orthopädischen Klinik des Marienhospitals in Oberhausen, Fachgebiet spezielle orthopädische Chirurgie und Chirotherapie. Hat Sie die Diabetes-Forschung gar nicht interessiert?
Die Diabetes-Forschung hat mich früher nicht interessiert, heute schon eher, man versucht, alles Neue zu erfahren. Es besteht ein regelmäßiger Kontakt zu Professor Scherbaum vom Diabetischen Forschungsinstitut. Aber insgesamt hat mich die Innere Medizin nie so interessiert, da für mich nur ein operatives Fach in Frage kam.
Mit sechs Jahren bereits wurde Ihr sportliches Talent erkannt und gefördert; lange vor der Diagnose Diabetes holten Sie mit der Deutschen Hockey-Nationalmannschaft 1984 die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Los Angeles und 1988 eine Silbermedaille in Seoul. Gab es nach der Diagnosestellung seitens der Ärzte oder vielleicht auch Ihrerseits zunächst Überlegungen, die sportlichen Aktivitäten aufzugeben oder zumindest einzuschränken?
Nein!! Ich habe bereits während der ersten Krankenhausschulungs- und Einstellungsbehandlung wieder trainiert und mein Leben nicht auf die Krankheit Diabetes umgestellt, sondern den Diabetes auf mein Leben! Ein Leben ohne Sport gab und gibt es für mich bis heute nicht!
Trotz Ihrer guten Einstellung und wahrscheinlich auch als Folge einer autoimmunen Hormonstörung verloren Sie schließlich die Haare. War das nicht zunächst ein unglaublicher Schock?
Der Haarverlust aufgrund eines autoimmunen Geschehens hat mich eigentlich viel härter getroffen als die Erkrankung Diabetes, weil es eben augenscheinlich war. Es hat bestimmt ein halbes Jahr gekostet, bevor ich damit gelernt habe, umzugehen. Der psychische Knacks war enorm.
Waren Sie eigentlich von Anfang an bereit, Ihre Krankheit publik zu machen? Ich frage das, weil der deutsche Hockeybund erst nach dem Haarausfall eine Erklärung über Ihren gesundheitlichen Zustand abgab.
Mir war es relativ egal, ob publik oder nicht. Diabetes ist ja nicht die Pest, oder? Der DHB gab nur zufällig eine Erklärung ab, weil ein englischer Reporter bei der Europameisterschaft ´91 in Paris mutmaßte, dass ich Doping betreiben würde, wie sonst sei meine Fitneß, wie sonst der Haarausfall zu erklären. Somit war die offizielle Erklärung des DHB eher eine Anklage gegen diesen Reporter und eine hiermit verbundene Erklärung meiner neu aufgetretenen Erkrankung.
Viele Diabetiker fühlen sich ausgegrenzt, manche sogar diskriminiert von ihrer Umwelt. Haben Sie selber auch solche persönlichen Erfahrungen machen müssen?
In keiner Weise, es kommt auch darauf an, wie man den Unwissenden entgegen tritt.
In einem Fragebogen haben Sie sich eine implantierbare Insulinpumpe gewünscht, die sich aufladen läßt und sich automatisch auf den BZ im Blut einstellt. Besitzen Sie jetzt schon eine Insulinpumpe?
Nein, ich benutze zur Zeit noch Insulinspritzen, aber meine Absicht es, mir dieses Jahr oder Anfang kommenden Jahres eine Insulinpumpe anzuschauen und auszuprobieren.
Wenn Sie ein Buch schreiben würden, so haben Sie gesagt, würde das den Titel "Schlank bleiben ohne Diät" tragen. Verraten Sie uns, warum Sie keine Diät einhalten müssen?
Schlank ohne Diät bezog sich mehr auf meine Lust am Essen. Auf die Ernährung sollte jeder achten, aber mit der intensivierten Therapie kann man sehr gut leben.
Sie haben zwei kleine Kinder, Saskia (4) und Nina (2). Die meisten Kinder haben bekanntlich Angst vor Spritzen. Wie reagieren Ihre Kinder, wenn Sie sich Insulin spritzen?
Saskia und Nina haben keine Angst vor den Injektionen, sie sind damit groß geworden, dass der Papa spritzen muß und beachten es gar nicht mehr.
Glauben Sie, dass Typ-1-Diabetiker einen anderen Umgang mit Diabetes haben als Typ-2-Diabetiker, die vielleicht eher "Schuldgefühle" wegen falscher Ernährung + mangelnder Bewegung entwickeln?
Es kann schon sein, dass ein Typ-2-Diabetiker mehr Schuldgefühle hat als ein Typ-1-Diabetiker, der ja nichts an der Erkrankung ändern kann. Ich glaube, dass Schuld hier jedoch nicht das richtige Wort ist, da die meisten Typ-2-Diabetiker, die ich kennen gelernt habe, ihre Erkrankung nicht richtig kennen und nicht verstehen, so dass Unwissenheit wohl eher passender wäre. Aber: Unwissenheit schützt vor Schaden nicht!
Viele - vor allem prominente Diabetiker - wehren vehement ab, manche leugnen sogar schlicht und einfach, an Diabetes erkrankt zu sein, spricht man sie darauf an. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ich weiß es nicht! Es ist vielleicht die Angst, dadurch einen Imageverlust zu erleiden oder ähnliches. Aus meiner Erfahrung ist Offenheit der beste Weg, einem falschen Vorurteil entgegen zu treten - denn wie gesagt: Wir haben ja nicht die Pest!
Was halten Sie als Betroffener und Arzt von der von den Krankenkassen kontingentierten Teststreifen, die für die Blutzuckerkontrolle benötigt werden?
Ein dummer Fehler, da die Selbstkontrolle die hohen Kosten von Folgeerkrankungen deutlich minimieren würde im Vergleich zu den Kosten der Teststreifen. Aber mal ehrlich: Welcher Typ-2-Diabetiker macht überhaupt eine Selbstkontrolle? Zehn Prozent?
Unterstützen Sie aktiv Verbände oder Vereine wie beispielsweise die IDAA (Internationale Vereinigung Sporttreibender Diabetiker)?
Nein, kenne ich gar nicht!
Haben Sie sich jemals einer Diabetiker-Selbsthilfegruppe angeschlossen und/oder an Diabetes-Schulungen teilgenommen?
Nur zu Beginn zwei Wochen Schulung im Krankenhaus, sonst nicht. Bei einer Selbsthilfegruppe war ich nie.
Es gibt Diabetiker, die vor einem Arztbesuch nichts essen, damit der BZ stimmt. Warum betrügt sich Ihrer Ansicht nach ein Patient selber auf so eine Art?
Damit man nicht etwas ändern muß in seinem Leben, es wäre ja schlimm, seine Eßgewohnheiten und sein Fitneßgefühl umstellen zu müssen! Auf die Idee kommt der Arzt ja nur, wenn der BZ schlecht ist, wenn der BZ dagegen gut ist, kann man ja weitermachen, wie gehabt. Folgenschwerer Selbstbeschiss (Entschuldigung)!
Glauben Sie, dass Sie als ein vom Diabetes selbst betroffener Arzt und damit auch als Fachmann vielleicht bewußter mit sich umgehen als mancher Laie?
Das Problem bei uns Ärzten ist immer, alles Krankhafte herunter zu spielen! So geht es mir auch und deshalb muß mich meine Frau auch immer zu den Kontrolluntersuchungen hin prügeln - ich glaube, ich gehe nicht bewußter mit Diabetes um.
Was würden Sie persönlich als größte Einschränkung seit der Diagnose Diabetes bezeichnen?
Die größte Einschränkung ist eigentlich, dass ich abends nicht einfach einschlafen kann, sondern vorher noch Messen und Spritzen muß, obwohl ich doch so müde bin. Alles andere ist mittlerweile normal geworden.
Reizthema Stammzellenforschung - Ihre Meinung!
Hier muß und wird sich in Zukunft einiges tun, hoffentlich auch für chronisch Kranke.
Sie haben 1992 noch olympisches Gold in Barcelona geholt. 1996 schließlich hat sich der Ausnahmesportler Carsten Fischer nach 259 Länderspielen und 154 Toren endgültig vom Sport verabschiedet. Wie halten Sie sich heute fit?
Ich spiele noch immer Hockey, außerdem Tennis und Golf, ich jogge und ich arbeite im Garten.
Ihr größter Wunsch für die Zukunft?
Mein größter Wunsch für die Zukunft ist, dass meine Kinder nie Diabetes bekommen, damit all das, was passieren kann, ihnen erspart bleibt.
Autor: Pia Zimmermann
Quelle: Interview mit Carsten Fischer