Erstellt am: 07.12.2007
Letzte Änderung am: 07.12.2007
Im Interview erläutert PD Dr. rer. soc. Dipl.-Psych. Frank Petrak von der Westfälischen Klinik Dortmund / Ruhr-Universität Bochum, worauf es bei der von ihm geleiteten Diabetes-Depressions-Studie ankommt und welche Zusammenhänge zwischen beiden Krankheiten bestehen.
Herr Dr. Petrak, woran erkennt man den Unterschied zwischen einem Stimmungstief und einer Depression?
Zwei Dinge sind wichtig: Das Zusammentreffen von mehreren so genannten "Kernsymptomen" wie niedergeschlagene, gedrückte oder traurige Stimmung, Interessenverlust und Freudlosigkeit sowie Antriebsstörungen. Weitere Symptome, die oft begeleitend auftreten, sind Konzentrationsstörung, Grübeln, Schlafstörungen, Appetit- und Libidoverlust. Eine tageweise anhaltende Traurigkeit muss kein Anzeichen einer Depression sein, vielmehr müssen die genannten Symptome im Regelfall mindestens mehrere Wochen oder Monate anhalten.
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Diabetes und Depressionen?
Es lässt sich sowohl eine erhöhte Depressions-Häufigkeit bei Menschen mit Diabetes konstatieren als auch festhalten, dass Depressive - insbesondere depressive Männer - ein höheres Risiko haben, an Diabetes zu erkranken.
Wieviele von den fast sieben Millionen diagnostizierten Diabetikern sind vermutlich an einer Depression erkrankt?
Gegenüber dem Nicht-Diabetiker ist das Risiko, eine Depression auszubilden, bei einem Menschen mit Diabetes um das 2fache erhöht. 9 % der Diabetiker in Deutschland leiden an einer voll ausgeprägten Depression, 25 % an erhöhter Depressivität.
Allerdings werden Depressionen bei Menschen mit Diabetes zu selten und oft erst sehr spät als solche erkannt. Hier könnte ein flächendeckendes Screening helfen, wie es in den Behandlungsleitlinien der Fachgesellschaften schon lange gefordert wird.
Inwieweit beeinflusst eine Depression die Compliance von Diabetikern?
Oftmals recht drastisch: Die Therapie wird vernachlässigt, Gewichtsreduktionsprogramme werden häufiger abgebrochen und auch das häufigere Rauchen bei depressiven Diabetikern ist ein Problem.
"Funktionieren" Schulungs- und Beratungsmaßnahmen bei depressiven Diabetikern, d.h. erreichen die Botschaften überhaupt die Menschen?
Da ein Merkmal von Depressionen oft auch Konzentrationsschwächen sind, kann dies gerade im Schulungskontext zu einem großen Problem werden: Zusammenhänge werden nicht verstanden, die Merkfähigkeit ist eingeschränkt. Daher empfehlen wir auch immer, erst einmal die Depression in den Griff zu bekommen, um damit die Grundlage für eine erfolgreiche Diabetes-Therapie zu legen.
Kann es u. U. dazu kommen, dass Aufforderungen, den Lebensstil zu verändern (Ernährung, Bewegung) und den Diabetes eigenverantwortlich "zu managen" sogar die Depressionen verstärken, weil sich die Menschen noch mehr überfordert fühlen?
Die Frage kann ich eindeutig mit "Ja" beantworten. Dies ist besonders bei schweren Depressionen der Fall. Daher ist das oben geschilderte Vorgehen - zuerst die Depression in den Griff bekommen, dann den Diabetes - ja so essentiell.
Gibt es Therapiemöglichkeiten, die sowohl den Diabetes als auch die Depression berücksichtigen?
Genau dies ist ein Ziel der Diabetes-Depressions-Studie: Die Etablierung einer beide Krankheitsprofile berücksichtigenden Behandlungsmöglichkeit. Denn bisher gibt es keine diabetesspezifische Verhaltenstherapie.
In der Verhaltenstherapie geht es ja u.a. darum, dass Patienten positive Aktivitäten aufbauen und negative Gedanken verändern, welche die Depression verstärken. Die Definition von Zielen ist in diesem Zusammenhang für den Diabetiker besonders wichtig. Wir unterscheiden zwischen allgemeinen und diabetesspezifischen Zielen. Letztere sollten zusammen mit dem behandelnden Arzt formuliert werden.
Sie suchen noch Teilnehmer für Ihre Studie über das Zusammenspiel zwischen Diabetes und Depressionen. Was erwartet die Teilnehmer?
Wir bieten den Probanden erst einmal ein dreimonatiges Programm. Dabei werden die Menschen mit Diabetes nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt: Die einen werden mit einer medikamentösen, die anderen mit Psychotherapie versorgt. Wir wissen, dass beide Ansätze ungefähr gleich gut funktionieren - doch es liegen bisher keine langfristigen Erkenntnisse vor. Um diese zu erlangen, begleiten wir die Menschen insgesamt 15 Monate.
Betroffene im Großraum Rhein-Main-Gebiet, Ruhrgebiet, Köln und Düsseldorf können im Rahmen der Diabetes-Depressionsstudie noch bis Mitte 2009 teilnehmen:
Genauere Informationen dazu gibt es unter
der Hotline 0231-45032607 oder im Internet unter www.dadstudie.de .
Was hat Ihre Studie bisher erreicht? Gibt es schon ein vorläufiges Ergebnis?
Erste Ergebnisse werden wir im Jahr 2010 vorlegen können. Wir werden auf der Internetseite www.dadstudie.de darüber informieren.
Herr Dr. Petrak, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.