Erstellt am: 10.09.2003
Letzte Änderung am: 12.09.2003
Sie wirft noch einen kontrollierenden Blick in den Spiegel, ob sie auch wirklich ausgehfertig ist. Alles in Ordnung. Die Frisur sitzt, das Outfit sieht klasse aus und die grünen Augen leuchten im Spiegelbild - es kann los gehen...
Dabei trägt die junge Frau nicht einfach nur gefärbte Kontaktlinsen. Die kleinen Plastiksensoren in ihrem Auge messen quasi nebenbei die Blutzuckerwerte der Diabetikerin. Werden die Linsen rot, weiß sie, dass sie dringend Kohlenhydrate zu sich nehmen muss, weil eine Unterzuckerung droht. Violett dagegen weist eine gefährlich hohe Glukosekonzentration hin. Grün bedeutet: alles in Ordnung.
So oder so ähnlich sehen viele Wunschvorstellungen von Diabetikern aus. Methoden zu erfinden, in denen Blutzuckerwerte ohne den lästigen Pieks in den Finger bestimmt werden können, ist das Ziel vieler Forscher auf diesem Gebiet. Und auch die meisten Erkrankten wünschen sich, ihre Werte endlich ohne Blut ablesen zu können.
Klare Sicht auf Blutzuckerwerte
"Zukunftsmusik", denken bestimmt viele. Doch so utopisch ist diese Vorstellung gar nicht mehr. In Pittsburgh/Pennsylvania testen Forscher der University of Pittsburgh die neue non-invasive Messmethode. Sanford Ascher hat sich mit photonischen Kristallen beschäftigt. Das sind nur wenige Nanometer große kristallisierte Kügelchen, die verschiedene Stoffe durch Farbveränderung nachweisen können.
Die Forscher um Ascher haben auf dieser Basis ein Gel entwickelt. Es enthält Rezeptoren, die Glukose binden und daraufhin Licht nur in bestimmten Wellenlängen aus dem Kristall herauslassen. Die Substanz verändert optisch seine Farbe.
Damit diese Ergebnisse auch eingesetzt werden können, bestimmen die Entwickler zunächst die genaue Beziehung zwischen dem Glukoselevel der Tränenflüssigkeit und dem Blutzucker des Körpers. Entsprechend soll es eine Skala an Farbabstufungen geben, anhand derer die tatsächlichen Werte abgelesen werden können.
Das entsprechende Sensormaterial wurde bereits entwickelt. Jetzt muss es "nur" noch so weit optimiert werden, dass es wie eine Kontaktlinse getragen werden kann.
Ziel ist es, das Material in Linsen einzubauen, die wöchentlich gewechselt werden. Nächstes Jahr werden erste Tests am Menschen stattfinden.
Begegnet man in ein paar Jahren jemandem mit roten Augen begegnen, muss dieser nicht immer ein Albino sein - wahrscheinlich braucht er nur ein paar BE.
Leuchtendes Tattoo warnt vor Untertzucker
In eine ähnliche Richtung gehen weitere Forschungen in den USA. Entwickler der Texas A&M University und der Penn State University wollen den derzeitigen Modetrend zu Tattoos nutzbar machen. Allerdings unterscheiden sich deren Körperbilder von den herkömmlichen Tätowierungen. Während "normale" Tinte unter die Haut gespritzt wird, bleiben die Moleküle, die größer als herkömmliche Farbpartikel sind, in der Flüssigkeit, die die Zellen umgibt. Die mit fluoreszierenden Moleküle beschichteten Polyethylenglycol-Kügelchen können also nicht in die Zellen eindringen, wo Glukose gar nicht in diesem Maße nachweisbar ist, weil sie hier fast sofort in Energie umgewandelt wird.
Der Glukosewert der intestinalen (zwischen den Zellen befindlichen) Flüssigkeit dagegen steht in starkem Zusammenhang mit den Blutzuckerwerten.
Eine hohe Glukosekonzentration verschiebt die Leuchtstoffmoleküle. Erreicht der Blutzucker einen bedrohlich niedrigen Wert fängt das somit Tattoo an zu leuchten. Es kann seinen Träger vor einer Unterzuckerung warnen.
Mittels einer Uhr kann er zusätzlich die Ergebnisse seiner über 24 Stunden hinweg bestimmten Fluoreszenzwerte abrufen und entsprechend Insulin und Ernährung anpassen.
Allerdings befindet sich auch hier das neue System noch in der Entwicklungsfase. Erste Tests an Ratten liefen bereits sehr erfolgreich. Die Forscher hoffen, dass sie ihre bunten Bilder auch an Menschen erproben können. Ist erst einmal dieser Schritt getan, dauert es nicht mehr lange, bis das Produkt marktreif wird - zumindest in den USA. Sie sprechen sogar schon Empfehlungen aus, an welchen Körperstellen die Tattoos platziert werden sollten. Am besten eignen sich demnach Bauch und Oberarm, da hier direkte Sonneneinstrahlung leicht vermieden werden kann.
Ist das Blutzuckertattoo erst einmal ausgereift, kann der Diabetiker auf das lästige Pieksen zur Bestimmung der Glukosewerte verzichten. Bis dahin und auch bis die intelligente Kontaktlinse erhältlich sein wird, ist weiterhin Pieksen angesagt. Ohne Blut ist können bisher keine exakten Blutzuckerwerte ermittelt werden.