Erstellt am: 29.11.2011
Letzte Änderung am: 29.11.2011
Kalorienarm und unschädlich für die Zähne - der natürliche Süßstoff aus der Steviapflanze könnte die Zuckerindustrie längst revolutioniert haben. Aufgrund strenger Auflagen und des Mangels an eindeutigen Studienergebnissen hinsichtlich gesundheitlicher Unbedenklichkeit konnte das Wundermittel bisher offiziell nicht zugelassen werden. Am 12. November nun die Nachricht: Stevia darf ab Dezember 2011 auch im europäischen Handel erworben werden.
Dem EU-Entscheid war die positive Sicherheitsbewertung von Steviol-Glycosiden, wie der aus Stevia gewonnene Extrakt in der Fachsprache genannt wird, durch die Europäische Behörde der Lebensmittelbehörde (EFSA) im April 2010 und Januar 2011 vorausgegangen. In den Gutachten kam das Gremium zu dem Schluss, dass die Substanz weder das menschliche Erbgut schädige noch Krebs fördernd sei. Eine zulässige tägliche Aufnahmemenge (ADI) wurde dabei auf 4 mg pro kg Körpergewicht festgelegt.
Der wundersame Süßstoff erobert Europa
Die Erfahrung mit dem Konsum von Stevia beläuft sich auf mindestens 35 Jahre. 1975 wurde die Pflanze aus der Familie der Korbblüter in Japan zugelassen. Noch weiter reicht die Süßungstradition mit Stevia in deren Heimat Südamerika: den paraguaynischen Ureinwohnern etwa ist die hochintensive Süßkraft der Pflanze bereits seit Jahrhunderten bekannt.
Die Blätter und das Kraut, mit denen dort der traditionelle Mate-Tee verfeinert wird, enthalten Steviol Glykoside, die süß schmecken. In den Industrienationen werden diese Glycoside aus den Pflanzenblättern extrahiert und erst verarbeitet als Süßungsmittel verwendet. Im Vergleich zum herkömmlichen Zucker haben sie eine bis zu 300mal höhere Süßkraft und sind kalorienfrei zugleich. Diese Eigenschaften erscheinen vielversprechend insbesondere mit Blick auf die Volkskrankrankheiten der westlichen Industrienationen Adipositas und Diabetes.
Bisherige Verbraucherakzeptanz unzureichend
Auf dem europäischen Markt war Stevia bisher lediglich als "Badezusatz" oder "Dentalkosmetik" erhältlich - meistens in Reformhäusern. Eingeweihte, die ihren Tee oder Kaffee dennoch süßen wollten, taten es auf eigene Faust mit ebendiesen Produkten. Erst 2008 hat die Schweiz eine mit Stevia-Extrakt gesüßte Limonade auf den Markt gebracht, Frankreich folgte diesem Beispiel ein Jahr später. Die Verbraucherakzeptanz war jedoch in beiden Fällen sehr gering. Ähnlich erfolglos blieben die Versuche der Markteinführung der neuartigen Produkte in den USA. Mit dem jetzigen Beschluss aus Brüssel rückt erneut die Frage in den Vordergrund, ob das exotische Pflanzenextrakt der Konkurrenz mit dem herkömmlichen Zucker überhaupt gewachsen sein wird bzw. diesen künftig sogar vom Markt verdrängen könnte.
Die Lebensmittelindustrie bleibt skeptisch
Obwohl die Vorteile der Stevia-Pflanze als erwiesen gelten, hält die Zuckerindustrie eine komplette Umstellung fast einstimmig vorerst für unrealistisch. Der Grund für die Skepsis liegt vor allem in dem bitteren Nachgeschmack des natürlichen Süßungsmittels. Dieser wird oft mit Lakritze assoziiert. Auch die festgelegte tägliche Verzehrdosis von 4 mg pro kg Körpergewicht erweist sich als problematisch: zwar kann sich der private Konsument über diese Tagesdosis hinwegsetzen, die Hersteller jedoch nicht. Deshalb können in einer Limonade lediglich etwa 30 Prozent des enthaltenen Zuckers durch Stevia ersetzen werden, ohne die erlaubte Dosis zu überschreiten. Die nüchterne Prognose lautet: Getränke bzw. Lebensmittel mit 100 Prozent Stevia werde es trotz der EU-weiten Zulassung vorerst noch nicht geben. Da sich mit der festgelegten Stevia-Menge Limonaden nicht ausreichend süßen lassen, bleibe der Haushaltszucker unverzichtbar. Möglicherweise werde man in Zukunft auf einen Süßstoff-Mix setzen, heißt es.