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Special - Erektile Dysfunktion

Offen über das Thema reden - Diabetes und erektile Dysfunktion

Allein in Deutschland sind 4,5 Millionen Männer von einer erektilen Dysfunktion (ED) betroffen. Mehr als die Hälfte der zuckerkranken Männer haben diabetesbedingte Potenzstörungen. Die Dunkelziffer ist noch wesentlich höher. Der Druck, immer und überall seinen Mann stehen zu müssen und niemals Schwäche zeigen zu können, lastet auf den Schultern. Aus Scham und Angst wird häufig ein großer Bogen um die Arztpraxis gemacht.

In der Öffentlichkeit ist das Thema heute noch vielfach tabuisiert. Dr. Michael Böhmer, Diabetologe in Warburg, sprach mit uns offen über das Problem mit der Potenz.

Redaktion: Wann spricht man von einer erektilen Dysfunktion?

Dr. Böhmer: Die erektile Dysfunktion ist ein weites Spektrum. Eine klar abgegrenzte Definition gibt es nicht. Die Spannweite reicht von einer leichten, kurzfristigen Störung bis hin zu einer langjährigen, im Volksmund sogenannten, Impotenz. „Mann“ ist betroffen, sobald er sich subjektiv maßgeblich in seinem Sexualleben beeinträchtigt fühlt. Per Definition im wissenschaftlichen Sinne liegt dann eine Erektionsstörung vor, wenn 25% aller Versuche, einen befriedigenden Geschlechtsverkehr zu vollziehen, scheitern.

Redaktion: Was sollte nach einer „Eigendiagnose“ getan werden?

Dr. Böhmer: Das Wichtigste ist, offen darüber zu reden - mit der Partnerin und natürlich mit einem Arzt. Ansprechpartner kann sowohl der Urologe, als auch der Hausarzt und speziell bei Diabetikern der Diabetologe sein. Mehr als die Hälfte der Diabetiker, die bei uns in Behandlung sind, haben sich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt. Und das, obwohl die erektile Dysfunktion bei den Typ-1-Diabetikern die Folgeerkrankung Nr. 1 ist. Deshalb wird bei uns jeder männliche Diabetiker, der neu in unsere diabetologische Schwerpunktpraxis kommt, explizit danach gefragt.

Redaktion: Sexualität ist ein Thema, welches gerne in den Mantel des Schweigens gehüllt wird. Der Gang zu einem Arzt stellt für viele eine große Hürde dar. Zu groß sind die Scham und die Angst vor unangenehmen Fragen und Untersuchungen. Was erwartet den Patienten?

Dr. Böhmer: Der Arzt sucht das Gespräch mit dem Betroffenen. Das ist notwendig, um sich ein Bild zu machen, wo die Ursache liegen könnte. Bei Diabetikern ist es zudem wichtig, die Stoffwechsellage zu überprüfen. Wie ist der Diabetiker eingestellt? War er lange nicht mehr beim Arzt, ist es eine gute Gelegenheit die üblichen Untersuchungen, beispielsweise der Füße durchzuführen. Bei 2/3 der Diabetiker ist eine erektile Dysfunktion auf eine Störung der Nerven zurückzuführen und nur bei 1/3 geht man von einer Gefäßstörung aus. Bei den Nervenstörungen kann man sich die kausalen Zusammenhänge sehr gut plastisch vorstellen, denn die männliche Erektion ist ein komplexes Zusammenspiel nicht nur von Durchblutungssituationen, sondern auch von Nervensignalen, die man sich ähnlich den Signalen bei Reflexen vorstellen kann. Ist die Weiterleitung dieser Signale gestört, so ist auch keine Erektion mehr möglich. Als Beispiel sei die zärtliche Berührung eines Hautareals unserer 1,7 qm großen Körperoberfläche genannt, ca. 5 Millionen Gehirnzellen stehen bereit, diese Berührung wahrzunehmen und zu interpretieren. Ist es eine erotische Geste, so erfolgt eine Signalsendung durch den Rückenmarkskanal an das andere Ende des Körpers, um dann im Penisbereich Reaktionen auszulösen. Erreicht das Signal aber seinen Zielort nicht, so erfolgt eine Entkoppelung des gehirntechnisch richtig verarbeiteten Reizes ohne eine körperliche Reaktion.


Redaktion: Sind Diabetiker im höheren Alter und mit einer schlechten Stoffwechsellage häufiger davon betroffen?

Dr. Böhmer: Insgesamt gehen wir aufgrund unserer praxisinternen Datenlage davon aus, dass 67% aller Diabetiker von einer erektilen Dysfunktion betroffen sind. Pauschal kann man sagen, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer erektilen Dysfunktion (ED) zunehmend erhöht, je länger der Diabetes vorhanden und je schlechter er eingestellt ist. Eine diabetesbedingte ED ist somit nicht altersspezifisch bedingt. Besonders schön finde ich persönlich, dass wir durchaus mit 80jährigen Patienten dieses Thema diskutieren.


Redaktion: Sollte die Partnerin in die Therapie mit einbezogen werden?

Dr. Böhmer: Mehr als 2/3 der Männer gehen mit ihrem Problem allein zum Arzt. Offen in der Partnerschaft darüber zu sprechen, ist ein häufiger Makel. Die Partnerin mit ein zu beziehen ist in den meisten Fällen hilfreich, wünschenswert und eigentlich schon fast Bedingung. Das Verschweigen einer ED belastet nicht nur den Mann, sondern möglicherweise auch die Frau, die sich fragt, ob sie nicht mehr attraktiv genug ist oder ..? Das Wichtigste bei der Behandlung ist nicht, die Tablette zu verschreiben, sondern, dass Offenheit an den Tag gelegt wird und der Betroffenen auch zu einer Offenheit innerhalb seiner Beziehung ermuntert wird. Ich kann es nur immer wieder betonen.

Redaktion: Die Behandlung einer ED erfolgt häufig medikamentös. Das wohl gängigste und bekannteste Mittel ist Viagra. Leider ist es auch sehr teuer. Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Dr. Böhmer: Vorab sei gesagt, dass ich es für ganz wichtig erachte, zuerst den Stoffwechsel zu optimieren, bevor Viagra verschrieben wird. Der Einsatz von Viagra erfolgt leider noch viel zu selten, denn zu viele haben sich mit ihrer erektilen Dysfunktion abgefunden oder scheuen die Kosten. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse, wenn die ED als Folge des Diabetes nachgewiesen werden kann. (Anm. d. Redaktion: Aus dem Urteil eines Revisionsverfahrens des Bundessozialgerichts vom 10.05.2005 geht hervor, dass "Mittel zur Behandlung der erektilen Dysfunktion und Mittel, die der Anreizung und Steigerung der sexuellen Potenz dienen" nicht mehr in dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgeführt sein müssen. "..dieser Leistungsausschluss verstößt nicht gegen das Grundgesetz.") Einen eindeutigen Nachweis des Zusammenhanges zwischen einem Diabetes und der erektilen Dysfunktion zu erbringen, ist schwer. Das vor Jahren noch dominierende Argument, dass die meisten Erektionsstörungen psychische Ursachen haben, ist inzwischen widerlegt. Dieses zeigen auch die guten Erfolgsquoten bei der medikamentösen Anwendung zum Beispiel mit Viagra. Dieses würde in den meisten Fällen nicht funktionieren, wenn die Ursache wirklich psychischen Ursprungs wäre. Und so kann heute davon ausgegangen werden, dass bei einem Mann, der seit Jahren schlecht eingestellt ist und/oder massive nervliche Störungen beispielsweise an den Füßen hat, eine ED als Folge des Diabetes vorliegt.

Redaktion: Unter den zahlreichen Anbietern von Medikamenten zur Behandlung von Potenzstörungen tummeln sich auch schwarze Schafe. Vor allem das Internet ist voll von Anbietern die wahre Wunderpillen ohne Rezept anpreisen.

Dr. Böhmer: Ich halte es für hochgradig gefährlich und kann nur davon abraten, zu sogenannten Wundermitteln zu greifen. Insbesondere Produkte aus Südost-Asien und den Balkanländern, die als preisgünstige Alternative zu Viagra angeboten werden, beinhalten häufig überraschende, nicht deklarierte Wirkstoffe. Erst recht, wenn die Einnahme ohne Absprache mit einem Arzt erfolgt. Es ist eher teuer und kann unerahnte Folgen haben, zu versuchen, mit diesen „Alternativen“ herum zu doktern. Es geht nicht schneller und effektiver als mit ärztlichem Rat und Hilfe.

Vielen Dank!

Das Interview wurde durchgeführt am 26.01.2005.

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Autor: Steffi Dörries

Quelle: Interview mit Dr. Michael Böhmer

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