Erstellt am: 15.10.2004
Letzte Änderung am: 15.10.2004
Luise Düvier strahlt über das ganze Gesicht. Sie hat auch allen Grund dazu. Seit drei Wochen ist sie frisch verheiratet. Ein Tag den sie nie vergessen wird. Ein anderes einschneidendes Ereignis in ihrem und in dem Leben vieler anderer, ereignete sich vor 14 Jahren. Der Tag der Wiedervereinigung. Das Leben nahm eine neue Bahn auch bezüglich ihres vor 42 Jahren diagnostizierten Typ1-Diabetes. Luise aufgewachsen in den neuen Bundesländern ist ein Mensch der niemals stillsteht. Der Diabetes war immer im Kopf dabei, aber niemals im Mittelpunkt des Alltags. So war es immer und wird es hoffentlich auch weiterhin bleiben. "Man lebt ja nicht nur für seine Krankheit, sondern die Krankheit lebt mit mir", sagt Luise. Für D´GATE plaudert sie ein wenig aus dem Nähkästchen, wie sich der Alltag mit Diabetes in der ehemaligen DDR gestaltete.
Rückblick: Mit vier Jahren diagnostizierte der Arzt bei Luise Typ-1 Diabetes. Das war im Jahre 1962. Die klassischen Anzeichen, wie ständiger Durst und Müdigkeit ließen keine Zweifel. Nach einer umfangreichen Schulung im nahe gelegenem Zentralinstitut Diabetes in Karlsburg bei Greifswald wurde gleich im Anschluss mit der Behandlung mit Insulin begonnen. "Ich bekam von meinen Eltern drei mal am Tag, immer zur gleichen Zeit, die gleiche Menge Insulin verabreicht. Etwas Anderes außer einer Festeinstellung gab es damals noch nicht", erinnert sich Luise. "Man konnte nicht individuell auf äußere Umstände, wie Sport, Schule oder ein Stück Kuchen außer der Reihe reagieren." Der Blutzucker wurde ein Mal im Monat vom zuständigen Diabetologen, den es in jeder Stadt gab, nüchtern gemessen. Eine optimale und individuelle Einstellung war nicht möglich. Das einzige was man tun konnte, war sich an die genauen Richtlinien halten. Das hieß strenge Diät, regelmäßige Mahlzeiten und natürlich regelmäßiges Spritzen.
"Mein Elternhaus war sehr genau, was das Spritzen und die richtige BE-Menge anging. Meine Mutter blieb deshalb zu Hause. Mittagessen nahm ich nicht in der Schule ein, wie alle anderen Kinder, sondern zu Hause, wo meine Mutter nach der Kalorientabelle jeden Tag für mich kochte", erzählt Luise. Im Laufe der Zeit hatte sie genügend Erfahrungen gesammelt, um die Signale des Körpers deuten zu können. "Wenn ich mich mal schlapp fühlte, spritzte ich mir heimlich ein paar Einheiten Insulin. Meine Eltern durften natürlich nichts davon wissen", erinnert sie sich. Zu dieser Zeit kam auch ein neues Verfahren zur Erkennung des Blutzuckers auf den Markt. Dazu wurde Urin gekocht und mit Hilfe von "Glycorator" der Urinzucker festgestellt. Da die Werte erst am nächsten Tag abgelesen werden konnten, diente dieses aufwendige Prozedere einzig der Nachvollziehung des Stoffwechselverlaufs in groben Zügen. Zu einer optimalen Einstellung trugen sie nicht bei.
Beruf und Familie
Nach der Schule wurden ihr keine Steine in den Weg gelegt. Stattdessen bekam sie umfangreiche Unterstützung vom Staat der ihr ein sogenanntes Frauensonderstudium ermöglichte. Dieses Fernstudium war für Frauen gedacht, die Studium und Kinder unter einen Hut bringen mussten. "Vorbehalte oder das Gefühl krank zu sein hatte ich nie. Ich habe kein Geheimnis aus meiner Krankheit gemacht. Lehrer und Schüler wussten von Anfang an Bescheid, auch was im Falle einer Unterzuckerung zu tun war", berichtet Luise. "Das soziale Umfeld war mir gegenüber sehr aufgeschlossen. Heute traut sich keiner mehr in der Öffentlichkeit eine Behinderung zuzugeben", sagt sie weiter.
Auch später im Beruf ging man sehr offen und tolerant mit dem Diabetes um. Ob längerfristiger Krankheitsausfall oder eine Kur, die bis zu sechs Wochen andauern konnte, der Betrieb bezahlte weiter. Die finanzielle Versorgung war im Krankheitsfall immer gewährleistet. "Während meiner ganzen Schwangerschaft war ich krank geschrieben. Längere Zeit verbrachte ich auf Station, damit meine Blutzuckerwerte regelmäßig kontrolliert werden konnten", erinnert sich Luise. Mittlerweile ist ihr Sohn Martin 22 Jahre alt und hat gerade mit seinem Studium begonnen. Anfang der 80er Jahre trat eine unerklärliche Allergie bei ihr auf. Die Ärzte vermuteten eine Allergie auf das verabreichte Alt- und Depot- Insulin (kurz- und langwirkendes Insulin).
Ein anderes, Allergie verträgliches Insulin war nur in der BRD erhältlich. Um dieses Insulin zu bekommen, benötigte sie eine Genehmigung vom Bezirksdiabetologen. Die Ausgabe erfolgte auf Zuteilung. "Einziger Haken: es gab keine Einwegkanülen. So mussten die Kanülen durch Kochen selbst sterilisiert werden", erinnert sich Luise. "Wenn sie nicht mehr spitz genug waren, hat mein Vater auch schon mal mit einer Nagelpfeile die Kanülen nachgeschliffen", ergänzt sie schmunzelnd.
Für den Patienten entstanden keine Extrakosten, weder Krankenhausaufenthalte noch Kur, Medikamente oder Hilfsmittel -alles hat die Sozialversicherungskasse (SVK) übernommen. Für den Einkauf von diätetischem Lebensmittel gab es zirka 20 Mark Zuschuss. "Gut gemeint, bekam ich häufig Diabetikerschokolade geschenkt. Leider hat das alles furchtbar geschmeckt und landete schnell im Müll."
Die Wende mit der Wiedervereinigung
"Mit der Wende bekam ich ein eigenes Blutzuckermessgerät und ich wurde sofort auf die intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) umgestellt, welches mir eine größere Flexibilität ermöglichte", so Luise. Zwei Jahre später fuhr sie nach Saalfeld (Thüringen) auf Kur, wo sie sich für die Umstellung auf die Pumpe entschied. Die ärztliche Betreuung durch einen Diabetologen, der für sie und alle anderen Diabetiker in der Stadt erster Ansprechpartner war, sollte aus Kostengründen nach der Wende wegfallen. "Wir haben Unterschriften gesammelt, aber genützt hat es nichts. Also habe ich mir einen Allgemeinmediziner gesucht, der selbst Diabetiker ist", erzählt Luise. Diabetologische Schwerpunktpraxen, wie sie heute flächendeckend zu finden sind, gab es erst ab Mitte der 90er Jahre.
Erwerbsminderungsrente
"Im Verhältnis zu anderen geht es mir nach 42 Jahren Diabetes relativ gut. Ich habe erste Spätfolgen, wie die Schaufensterkrankheit", erzählt Luise. Seit diesem Jahr bezieht sie die Erwerbsminderungsrente. "Ich schone meinen Körper, was nicht heißt, dass ich mich in die Ecke setzte. Der Blutkreislauf muss intakt bleiben und so gehe ich eifrig meinem Hobby dem Malen nach und beteilige mich an Ausstellungen."
Ich bedanke mich für das Interview!
Das Gespräch fand am 27.09.2004 statt.
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Zur Übersicht des Themenspecials Typ-1-Diabetes
Autor: Steffi Dörries
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