Erstellt am: 18.03.2003
Letzte Änderung am: 24.10.2003
Stefan Rengsberger ist 30 und OSM - orthopädischer Schuhmachermeister. Nach Beendigung der Meisterschule in München wagte er den mutigen Schritt und eröffnete in der Simon-Höller-Str. 1 in Straubing seinen eigenen Laden.
Lange und hart musste er arbeiten, bis Werkstatt und Verkaufsraum fertig waren. Doch jetzt, wo alle Werkzeuge ihren Platz gefunden haben, einige Schuhe auf Käufer warten und Stefan schon seit ein paar Monaten die Wünsche seiner Kunden erfüllt, ist die Arbeit weder einfacher, noch weniger geworden.
Viele Diabetiker suchen ihn in seinem Laden auf. Denn wenn eine Neuropathie, eine Nervenschädigung, auftritt, muss sofort gehandelt werden. Doch Stefan beschreibt den diabetischen Fuß aus Sicht eines OSM als ein schwieriges Thema: Der Patient spürt nichts, selbst wenn der Fuß nicht zuletzt wegen schlecht sitzender Schuhe schon eitrige Wunden oder sonstige Verletzungen aufweist. Da das Warnsignal Schmerz fehlt, werden Druckstellen, Blasen oder offenen Stellen zu geringe Beachtung geschenkt. Dazu kommst, dass gerade Diabetiker stärker infektgefährdet sind als Nichtdiabetiker. Die Folgen sind meist fatal: Wird eine Wunde über mehrere Tage hinweg nicht behandelt, können schwere Entzündungen entstehen, die im Extremfall sogar zu einer Amputation führen.
Wieso aber kann so etwas vorkommen? Wenn Arzt, medizinischer Fußpfleger und OSM zusammenarbeiten, sollten die Folgeschäden am Fuß auf ein Minimum begrenzt sein. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass in einigen Fällen die Fußpflege massiv vernachlässigt wird.
Ein Hilfsmittel gegen diabetesbedingte Fehlstellungen wären grundsätzlich bequeme Schuhe. Speziell für Diabetiker gibt es sogenannte Therapie- oder Prophylaxeschuhe. Diese werden zwar konfektioniert hergestellt, sind aber auf die Bedürfnisse des empfindlichen Fußes eingestellt. Der Vorfußbereich, also bei den Zehen, besteht aus sehr weichem Obermaterial, dehnbarem Futter und besitzt keinerlei Nähte. Im allgemeinen ist der Schuh aber stabiler und steifer. Eine ausreichende Breite schafft genügend Platz für den Fuß, damit keine Druckstellen entstehen können. Eine Sohlenrolle unterstützt den Fuß in seiner natürlichen Abrollbewegung und macht das Gehen des Patienten sicherer und weniger tapsig. Gleichzeitig erhöht sie die Standfestigkeit. Insgesamt bewirken solche Schuhe auch einen Druckausgleich am gesamten Fuß.
In den meisten Fällen reichen diese Schuhe über lange Zeit hinweg aus. Sie beugen der Schwielen- und Ulkusbildung vor. Außerdem sind sie mittlerweile in zahlreichen Farben und Formen erhältlich, mit Klettverschluss oder mit Schnürung - es ist also für jeden Geschmack ist in Stefans Verkaufsraum etwas dabei.
Doch er verkauft nicht nur. Denn in einigen Fällen verordnet der Orthopäde dem Patienten zusätzlich eine diabetesadaptierte Fußbettung. Die individuell angefertigten Einlagen sollen Druckspitzen entlasten. Diese sind Punkte oder Flächen, bei denen durch Fehlstellungen oder Erkrankungen ein erhöhter Druck auf den Fuß einwirkt. Wie bei einem Sandwich werden dafür verschiedene Shore-Härten (Shore bezeichnet das Material, ein geschlossener Schaum) je nach Höhe der Belastung übereinander verwendet. Dabei sollte das Material der obersten und damit fußzugewandten Schicht unbedingt abwasch- und desinfizierbar sein. Deshalb sind nicht alle Lederarten für die Einlage geeignet. Mit textilen Oberflächenstrukturen können bessere Ergebnisse erzielt werden. Natürlich werden hierbei nur hautfreundliche Materialien eingesetzt, die nach dem geforderten Qualitätsstand geprüft wurden.
Das Einfügen einer speziellen Silikonmasse in eine vorbereitete Fußbettung zeigt die besten Mess- und Trageergebnisse. An einer entsprechend vorbereiteten Stelle der Einlage wird Silikonmasse eingesetzt. Diese ist nicht so stark rückstellkräftig, also flexibler, wie die Einlage und entlastet somit vorhandene Geschwüre am Fuß.
Oft werden der orthopädische Maßschuh und die diabetesadaptierte Fußbettung auch in Kombination verwendet. Denn meist sichert nur diese Methode die optimale Entlastung von Druckstellen.
Hat der Patient allerdings einen bereits eine ausgeprägte Deformation oder musste er schon eine Amputation über sich ergehen lassen, reicht ein konfektionierter Schuh nicht mehr aus. In diesem Fall wird ein orthopädischer Maßschuh angefertigt. Doch Stefan weiß um dessen schlechten Ruf - hässlich, klobig und unförmig soll er sein. Besonders bei Damen ist er unbeliebt. Doch dieser Schuh muss seinen Zweck erfüllen, indem er dem Fuß entspricht und ihn entlastet, nicht aber umgekehrt. Denn nur wenn ein Schuh gut passt, kann er Heilungsprozesse beschleunigen oder Deformierungen ausgleichen.
Allerdings sind die beinahe gefürchteten orthopädischen Maßschuhe bei weitem nicht so hässlich wie ihr Ruf es verspricht. Mittlerweile bieten die Hersteller der Schäfte eine große Auswahl an Modellen.
Stefan blättert mit seinen Kunden in Katalogen, so dass diese aus den verschiedensten Farben und Formen wählen können. Selbst Sonderwünschen kann er vielen Fällen nachkommen - allerdings muss der Patient diese selbst zahlen, denn die Krankenkasse erstattet nur, was unter die Grundversorgung fällt.
Trotz der Bestellung eines fertigen Schaftes bleibt aber die meiste Arbeit weiterhin beim OSM: Orthopädische Maßschuhe fallen unter das Medizinproduktegesetz. Der Schuhmacher ist somit für den Patienten und alles was seine Schuhe bewirken verantwortlich. Besonders achtet er auf den optimalen Sitz des Schuhwerks. Die Zehen brauchen genügend Platz, die Länge muss optimal sein, die entsprechende Einlage wird genau angepasst - Stefan und seine Berufskollegen müssen viel berücksichtigen.
Zusätzlich werden die Patienten über die wichtigsten Verhaltensregeln aufgeklärt. Besonders wichtig sei, so Stefan, dass der Schuh stets getragen wird. Die beste Anfertigung nütze nichts, wenn sie nicht genutzt wird. Um eine bestmögliche Wirkung zu erzielen, ist eine dauerhafte Anwendung erforderlich. Zusätzlich sollte jeden Tag eine Eigenkontrolle am Fuß durchgeführt werden. Da dieser oft keine Schmerzen mehr signalisiert, muss ständig überprüft werden, ob Druckstellen oder andere Verletzungen entstehen. Passt der Schuh nicht richtig, korrigiert Stefan die drückenden Stellen.
Befund und Krankheitsverlauf werden mit Protokollen und Bildmaterial dokumentiert. Damit kann eine Entwicklung oder der Rückgang von Krankheitsbildern verfolgt werden.
Das Tätigkeitsfeld von Stefan ist sehr breit gefächert. Denn nicht nur der Verkauf und vor allem das Anfertigen von medizinischen Hilfsmitteln zählt zu seinem Arbeitsfeld. Genauso hat er eine beratende Funktion.
Der Arbeitstag ist lang und anstrengend. Doch wenn Stefan bei den regelmäßigen Kontrollen sieht, dass seine Patienten durch die Einlagen und Schuhe eine bessere Lebensqualität haben, nimmt er diesen gerne in Kauf.
Autor: Redaktion
Quelle:
"Der Diabetische Fuß", Diagnose, Therapie und schuhtechnische Versorgung. Ein Leitfaden für Orthopädie-Schuhmacher, Friederike Bischof, Carsten Meyerhoff, Jürgen Eltze, Karl Türk
Gespräch mit Stefan Rengsberger, Orthopädie-Schuhmachermeister
"Medizinische Klinik", Das offizielle Organ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Nummer 12, 93. Jahrgang, Sonderdruck: "Konfektionierte Spezialschuhe zur Ulkusrezidivprophylaxe beim diabetischen Fußsyndrom", Frank Striesow