Erstellt am: 08.02.2006
Letzte Änderung am: 08.02.2006
Seit 1979 sticht sich Klaus Mans mehrmals täglich in den Finger. Als er damals im Alter von 25 Jahren an Typ-1-Diabetes erkrankte, musste er sich, wie auch alle anderen Betroffen, erst einmal mit der Krankheit und seiner Therapie (ICT) auseinander setzen. Dabei lernte er, wie wichtig es ist, regelmäßig seinen Blutzucker selbst zu messen.Natürlich war das am Anfang mit einiger Überwindung verbunden, doch er erkannte schnell, wie wichtig dies für eine gute Einstellung und für eine hohe Lebensqualität ist. Heute testet er bis zu fünfmal am Tag seine Werte und lässt als Leiter einer Selbsthilfegruppe auch andere an seinen Erfahrungen Teil haben.
Redaktion: War das Blutzuckermessen früher schmerzhafter?
Klaus Mans: Früher gab es noch diese Lanzetten, die einem Messer ähnlich waren. Man machte also keine Löcher, sondern kleine Ritze in den Fingern. Gegenüber den heutigen Methoden waren die also sehr schmerzhaft und hatten auch kleinere Verletzungen an den Fingern zur Folge. Heute geht das besser, da man jetzt runde Nadeln hat, die wesentlich dünner sind und daher kaum das Gewebe verletzen.
Wie oft haben Sie anfangs gemessen?
Die ersten Jahre waren es dadurch, dass ich zweimal gespritzt habe, auch zwei Messungen täglich. Heute teste ich vor jeder Mahlzeit extra. Wenn ich drei Mahlzeiten am Tag zu mir nehme, dann steche ich mich auch dreimal.
Welche Tipps können Sie aus Ihrem Erfahrungsschatz weitergeben?
Mit kalten Händen zu testen ist so gut wie unmöglich, weil da die Blutzufuhr nicht so ganz funktioniert. Man sollte also schauen, dass man warme Hände hat. Ansonsten möchte ich dazu raten, dass man die Finger häufig wechselt beim Stechen, sonst können da nämlich böse Hautentzündungen und Veränderungen entstehen.
Haben Sie mehrere Geräte getestet, bevor Sie bei ihrem gelandet sind?
Ja, für mich ist es maßgeblich, dass so ein Gerät relativ schnell die Messung durchführt. Das Display muss so sein, dass man den Wert schnell erkennt. Es darf also nicht zu klein sein. Und es muss handlich sein, da ich auch öfter unterwegs testen muss.
Wie dokumentieren Sie Ihre Blutzuckerwerte?
Ich muss gestehen, zur Zeit gar nicht. Wenn ich jedoch gesundheitliche Probleme habe, z.B. Fieber, Erkältung usw. und ich zum Arzt muss, führe ich über einen Zeitraum von etwa drei bis sechs Monaten eine Art Tagebuch.
Welche Werte haben Sie in Ihr Tagebuch aufgenommen?
Eigentlich kann man alles eintragen. Man kann sportliche Aktivität eintragen, die Menge der Mahlzeiten, die Blutzuckerwerte, die üblichen Arztuntersuchungen, die man so hat: HbA1-Wert, Cholesterinwerte.
Für wie sinnvoll halten Sie es, Diabetes-Tagebücher zu führen?
Sinnvoll in jedem Fall für Leute, die am Anfang ihrer Krankheit stehen, damit der Arzt konkret den Patienten auf einen bestimmten Wert einstellen kann, auf eine bestimmte Diät oder Lebensweise, die der Patient führen muss. Aber auch langjährige Diabetiker sollten es ab und zu mal machen; zur eigenen Kontrolle, weil man einfach eine bessere Übersicht über die eigenen Werte eines bestimmten Zeitraums bekommt.
Was sagen Sie einem neu diagnostizierten Diabetiker, der aus Angst nicht messen will?
Es ist auf alle Fälle notwendig, wenn er seine Krankheit selber beherrschen will. Ihm bleibt eigentlich keine andere Wahl. Und ich würde ihm anhand meiner eigenen Geschichte zeigen, dass man sich einfach Zeit nehmen muss, um seinen Blutzucker-Wert zu bestimmen, weil man sonst nicht weiß, wie viel Insulin oder Essen man braucht. Es ist 100%ig notwendig, diese Tests selbst zu machen, man kann ja nicht für jeden Test vor jeder Mahlzeit zum Arzt rennen.
Angenommen, ein langjähriger Typ-1-Diabetiker weigert sich zu messen. Er behauptet, er spürt es, wenn sich seine Werte verändern. Was halten Sie davon?
Das ist ein gefährlicher Drahtseilakt. Ich kenne zufällig jemanden, der das genauso gehandhabt hat. Dem musste man mit 30 Jahren schon eine Niere entfernen. Irgendwann hat der Arzt gesagt, dass es jetzt nicht mehr geht und die Niere nicht mehr lange mitmacht. Von da an musste er täglich testen. Es gibt keine andere Lösung um eine gute Stoffwechsellage zu erreichen.
Das Gefühl z.B. der Unterzuckerung kann also täuschen?
Mit Sicherheit, weil es so viele Dinge gibt, die einen Wert beeinflussen können, wie Aufregung, Trauer, Glücksgefühle, Hitze, Stress ... Man kann seinen Körper nie so gut kennen, dass man sagt, ich weiß, wie hoch mein Blutzucker ist. Das geht nicht.
Es gibt unterschiedliche Ansichten, zu welchem Zeitpunkt gemessen werden soll. Was ist aus Ihrer Erfahrung heraus die beste Lösung?
Ich würde auf jeden Fall empfehlen, vor jeder Mahlzeit zu testen. Für mich gibt es eigentlich keinen anderen Weg. Wenn z.B. bei mir dann der Wert unter 100 liegt, spritze ich nach dem Essen, weil ich ein entsprechendes Insulin habe. Ist der Blutzuckerwert höher, muss man natürlich eine gewisse Zeit vor dem Essen spritzen, damit sich das Insulin gut im Körper verteilen und auch wirken kann.
Was sagen Sie zur Praxis der Teststreifen-Verordnung?
Ich habe in meiner Selbsthilfegruppe sehr viele, die schon selbst Teststreifen kaufen mussten. Ich hab z.B. eine Diabetologin, die verschreibt mir die Menge an Teststreifen, die ich brauche. Ich habe aber schon von Ärzten gehört, die nur ein gewisses Kontingent ausgeben, mit dem die Patienten gezwungen sind, auch schon mal Tests ausfallen zu lassen. Das halte ich nicht für sinnvoll.
Typ-1-Diabetikern wird ja ein anderes Kontingent zugesprochen als Typ-2-Diabetikern. In manchen Fällen reicht es aus, aber für die Menschen, die öfter auf sich achten und die vielleicht auch ihren Körper selber kontrollieren möchten, denen wird's wahrscheinlich nicht ausreichen.
Jeder Mensch ist individuell und ich bin immer auf der sicheren Seite, wenn ich weiß, dass ich genug Teststreifen bei mir habe. So würde ich sagen, dass jeder Diabetiker eigentlich genug Teststreifen zur Verfügung haben sollte, da es doch viele eigenverantwortliche Diabetiker gibt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Autor: Ramona Völkl
Quelle: Gespräch am 31.1.2006